Wie erwerben Jugendliche Medienkompetenz?

Ein immer wieder gerne diskutiertes Thema sind die Auswirkungen der Medien auf Kinder und Jugendliche. Menschen werden in den ersten 20 Jahren ihres Lebens am allermeisten geprägt. Sie erhalten in der Zeit die Grundpfeiler ihrer Werte. Wie der Stamm eines Baumes, der sich in diese oder jene Richtung verasten kann, aber doch da bleibt, wo er sich verwurzelt hat, um seine Äste von dort ins Licht zu wenden.

Medienbildung ist ein Aspekt der Persönlichkeitsbildung

Seit den sechziger Jahren beschäftigt sich die Medienpädagogik mit dem Thema und sie hat sich in dieser Zeit einen relativ klaren Rahmen geschaffen. Schließlich beschreibt der Umgang mit Medien nicht nur im Erlernen von Fähigkeiten und Wissen sondern auch in der Art, wie Menschen kommunizieren und wie sie ihren Alltag medial gestalten.

Davon abgespalten haben sich die Begriffe Medienbildung und Medienkompetenz. Natürlich weisen alle Fachbereiche ähnliche Schnittmengen auf, doch keiner dieser Begriffe ist zu Ende dekliniert, da sich Medien und die Art der Kommunikation auch heute noch stetig verändern werden. Dieter Spanhel beschreibt die Bildung durch Medien folgendermaßen:

„Im engeren Sinne ist (dann) Medienbildung ein Aspekt der Persönlichkeitsbildung als Prozess und als Ergebnis des Prozesses der Vermittlung von Welt und Selbst durch Medien. Medienbildung ist ein Prozess, in dem der Heranwachsende und der Erwachsene sein ganzes Leben hindurch eine kritische Distanz zu den Medien und ihren Weiterentwicklungen aufbaut und eine Verantwortungshaltung gegenüber den Medien und im Umgang mit ihnen einnimmt.

In diesem Kontext wird dann Medienkompetenz zusammen mit anderen Kompetenzen (z.B. Sozial-, Fach- oder Selbstkompetenz) zu einer wesentlichen Voraussetzung für Persönlichkeitsbildung. Wesentlich deshalb weil ohne Medienkompetenz überhaupt keine Bildung möglich ist, weil alle Bildung auf dem repräsentationalen Denken, also auf dem Zeichengebrauch beruht. In diesem Sinne müsste Medienbildung als Teil der Allgemeinbildung gesehen werden“.

Klare Worte also, die die Medienbildung als unabdingbar klären, da Medien einen beträchtlichen Anteil auf unseren Alltag haben. In Bezug auf den pädagogischen Ansatz: Die Medienpädagogik soll in diesem Rahmen zum Teil die Aufgabe übernehmen, Kinder und Jugendliche in Bezug auf die Medien zu bilden und zu erziehen.

Um konkreter zu werden: Für Heranwachsende sind besonders soziale Medien sehr wichtig. Hier lernen sie autonom zu kommunizieren. Schranken fallen weg, da ihr Rollenverhalten wahrscheinlich ein ganz anderes ist als auf dem Schulhof. Man könnte also sagen, Medienbildung und Medienkompetentz wird schon vor dem eigentlichen Surfen und Chatten geprägt, durch Werte oder die Erziehung und das Nachahmen des Medienumgangs prägender Personen aus dem Umfeld.

Ab dem Zeitpunkt des Online-Seins und dem Umgang mit dem Internet wird Erfahrenes angwendet, neu erlernt und weiterentwickelt. Kinder unterscheiden dort, welche Dinge sie über sich preisgeben können und welche nicht- denn: der Schulhof bleibt. Auch der reele Umgang mit Mitmenschen bleibt oftmals, die Realität ist oft die Plattform, auf der sich jene Sachverhalte erst bestätigen oder sich verteidigen müssen, die Online geschaffen wurden. Wer sich in sozialen Medien eine Blöße gibt oder mißverstanden wird, hat schwer zu kämpfen, denn: Kinder können grausam sein.

Dennoch wäre es falsch, aus vorauseilender Vorsicht Kinder und Jugendliche davon abzuhalten, online zu sein. Verbote sind immer nur Barrieren, die früher oder später eingerissen werden. Die Situation ist vergleichbar mit dem weltweiten Liberalisieren der Märkte in den letzten Jahrzehnten: Alles ist möglich, doch man muss aufpassen, nicht vom System gefressen zu werden. Gerade dadurch ist es wichtiger geworden, Kindern jenseits des Internets Werte zu vermitteln und mit auf den Weg zu geben. Mit Kindern sollte man über ihr Kommunikationsverhalten sprechen, denn gerade durch Reflektion differenzieren Menschen ihr Verhalten und entwickeln es erst weiter. Kinder können sich im Netz einschließen, wie früher im eigenen Zimmer und sich dort vielleicht verlieren. Sie können aber auch genau dort an Ihren Begabungen feilen.

Erwachsene und Pädagogen sollten in dem Bewusstsein handeln, zu wissen, dass sie Kinder für die Zukunft rüsten. Deshalb ist es klug, gerade mit Heranwachsenen in etwa in gleichem Maße zu kommunizieren, wie sie es online tun.

Kinder und Jugendliche weisen den Älteren den Weg, denn sie sind, mehr als irgendjemand sonst, am Puls der Zeit. Die Verantwortung der Ältern oder der Medienerziehung liegt also darin, die Weichen zu stellen. Denn später gilt es, von eben jenen jungen Menschen zu lernen. Sie werden Techniken entwickeln, Kommunikation verifizieren und daraus neue Dinge schaffen. Gerade die Kommunikation wird sich möglicherweise, so wie die Maschinensprache es seit Beginn tut, durch den Medienumgang um Kürze und Eindeutigkeit bemühen. Dadurch werden Entwicklungen beschleunigt und die Lernprozesse in der Medienbildung verhalten sich ähnlich. Mag man sich über die Kurzlebigkeit ärgern, weißt diese doch darauf hin, das sich durch die Wechselwirkung der Medienbildung jeglicher Inhalt zum nächsten hin entwickelt. Diese Inhalte können also gar nicht erst in „Stein gehauen werden“, da sie sich stätig verändern.

Um auf das naturalistische Bild des Anfangs zurückzukommen: Der Stamm mag bleiben, doch das eigentliche Leben, die weitere Verästelung, und das Sprießen, wachsen und erblühen findet in der Baumkrone statt.