Schon wenige Tage nach der Abdankung von Horst Köhler war sein Verzicht auf das Amt des Bundespräsidenten kein Thema mehr im Netz. Eine Recherche in den Google News-Archiven gäbe sogar Anlass, zu behaupten, dass es zum keinem Zeitpunkt das Thema Nummer 1 gewesen war. Denn, Lena hat gewonnen. Obwohl Sie nicht singen kann. Hurra, das Sommermärchen ist wahr geworden. Und dann, dann kam Sie zurück. Hurra, lasst uns eine Fan-Meile einrichten und Straßen nach ihr benennen. Der Ministerpräsident soll gefälligst einen Staatsempfang schmeißen. Und dann? Tatütata, der Fußball ist da! Schon wieder ein Sommermärchen. Und Wuwu-dingensda. Na, Sie wissen schon. Die Tröte. Und viele andere Dinge. Dinge, die „Menschen bewegen“.

Und was ist es, das uns bewegt? Die geistigen Ausgüsse die kreuz und quer durch die Medienlandschaft erwähnenswerte Popularität erlangen, spielen hauptsächlich auf die primären Instinkte des Homo Sapiens – Sex, Gier und Gewalt. Nebenbei bedient einer wie Thilo Sarrazin seine Profilierungsneurose mit selbst erfundenen „Fakten“. Tobias Kniebe schrieb in der Süddeutschen Zeitung Magazin einen bemerkenswerten Artikel darüber.

Also, wie kommt es, dass Schrott à la „Frau Jolie bastelte eine Bombe aus ihrem Slip“ das Top-Thema des Tages wird? Ich bin ja zwar recht neugierig auf den Slip der besagten Dame, möchte aber meinen, dass so etwas wie z.B. „die Verlängerung der AKW-Laufzeiten“ gesellschaftlich relevanter ergo „wichtiger“ ist. Es sei denn natürlich, die Agentin Salt hat einen Weg gefunden, aus ihrem Slip auch noch einen Schutzschild gegen den Nuklearen Gau zu bauen.

Das Netz – Demokratie rockt

Wie wird die Wichtigkeit einer Nachricht im Netz bestimmt? Die Kriterien, die „Wichtigkeit“ einer Nachricht zu bestimmen, haben sich im Laufe der Zeit, insbesondere die letzten 5 bis 8 Jahre durch die Entwicklung von Suchtechnologie stark verändert. An Stelle früherer Autoritäten in Sachen Nachrichten ist es heute Google mit seinen Bewertungsmechanismen und Algorithmen, der die „Wichtigkeit“ einer Nachricht berechnet.

Dabei berücksichtigt der Suchmaschinengigant verschiedene Faktoren: Verbreitung in den Social Media Netzwerken, Suchergebnissen, die „Vertrauenswürdigkeit“ der Quelle, etc.. Dort, wo früher mal ein Chefredakteur dieses oder jenes Thema als wichtig empfunden hätte, sagen die Algorithmen vielleicht ganz was anderes: „Wenige Kommentare, wenig Verbreitung, nicht interessant“.

Auf den ersten Blick könnte es einem als Qualitätsverlust vorkommen, andererseits ist es ein durch und durch demokratisches Verfahren, das uns zuverlässig und unmissverständlich die Misere vor Augen hält. In Zeiten von Infotainment werden unsere Wahrnehmungen von „wichtig“ und „gesellschaftlich relevant“ knallhart gegen das Kleid von Lena Meyer-Landrut aufgerechnet. Das Ergebnis ist ernüchternd: Lena gewinnt, für Horst Köhler interessiert sich kein Schwein.