In vielen gesellschaftlichen Bereichen gilt Medienkompetenz als eine der Schlüsselqualifikationen von Gegenwart und Zukunft. Die Forderung, die mit diesem Begriff gestellt wird, ist die Befähigung von Menschen, sich in einer immer mehr von Medien durchdrungenen Welt kompetent orientieren zu können. Das Spektrum der Medienkompetenz ist entsprechend breit gestreut. Es reicht vom praktischen Umgang mit Medienangeboten im Alltag über das Wissen um technische, historische, politische, kulturelle, ökonomische und nicht zuletzt ethische Bedingungen, d.h.. Medienkompentenz umfasst alle gesellschaftlich-kulturellen Belange des Lebens.

Es gilt, die Anforderungen und Wirkungen verschiedener Mediensysteme zu kennen, die Fähigkeit zu besitzen, medial vermittelte Wirklichkeiten zu reflektieren und mit Medien aktiv kommunizieren zu können. Somit sind Entscheidungs- und Handlungskompetenzen des Einzelnen gefordert, damit möglichst jeder sowohl an individueller als auch an kollektiver Medienkommunikation aktiv und autonom teilhaben kann. Der Schwerpunkt, der in diesem Zusammenhang diskutiert wird, konzentriert sich gegenwärtig auf die Vermittlung praktischer Medienkompetenzen. Wir gehen aber weiter und fragen auch nach den Auswirkungen dieser Bedingungen für die künstlerische Reflexion einerseits, und den künstlerischen Produktionsprozess andererseits.

Blickt man zurück auf die Geschichte des Begriffs “Medienkompetenz” (und in dem Zusammenhang auch auf die Medienpädagogik als ihre Vermittlungsinstanz), sind bestimmte Strömungen und Zyklen erkennbar. Diese Zyklen sind immer auch Ausdruck ihres jeweiligen gesellschaftspolitischen und kulturell-ästhetischen Kontextes.

Ursprünglich stellten die „Massenmedien“ den Hauptgegenstand der Diskussion dar. Bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellte Brecht ganz konkrete und pragmatische Forderungen zur Befähigung des einfachen Bürgers in der Anwendung und Nutzung der Medien, indem er 1927 eine Demokratisierung des Rundfunks forderte. Siegfried Kracauer konstatierte im gleichen Jahr: “In den Illustrierten sieht das Publikum die Welt, an deren Wahrnehmung es die Illustrierten hindern.” (aus “Die Fotografie”, Frankfurter Zeitung, 1927). Und Walter Benjamin – dessen Begriff der Aura uns bis heute beschäftigt – fügt 4 Jahre später hellsichtig hinzu: “Nicht der Schrift-, sondern der Fotografieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein” (1931, Kleine Geschichte der Fotografie).

War bislang also immer von Massenmedien die Rede, kam gegen Ende der 60er Jah- re im Zusammenhang mit Studentenbewegung und der Revitalisierung marxistischer Theorien der Begriff der „Medienkompetenz“ auf. Die Bevölkerung solle, so forder- te etwa Hans Magnus Enzensberger in Anlehnung an Brecht, überall dabei sein, auch bei der Produktion von Medien. Er postuliert in einer zentralen Stelle seiner Theorie der Medien: „Ein revolutionärer Entwurf muss nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen“. Etwas später erklärt Beuys “jeden Menschen” zum Künstler.

Vor allem sog. “linke Positionen” setzten Anfang der 70er Jahre die Forderung nach Demokratisierung der Medien frei und der Begriff Medienkompetenz erfuhr einen Bedeutungswandel. Die Medien wurden nun als Gefährdung betrachtet, und die Experten, Hochschullehrer und Pädagogen nahmen häufig eine bewahrpädagogische Grundhaltung ein. Diese regelrechte Angst vor dem Fernsehen und den neuen Medien allgemein beruhte auf der Annahme vieler Pädagogen, das Buch sei das wertvollere Medium. Man wollte daher die alten Kulturwerte durch pädagogische Maßnahmen bewahren (entspricht dem Leitbild humanistischer Bildung).

Durch handlungsorientierte Pädagogik und Kulturarbeit in den 70er und 80er Jahren gewann dann aber eine nicht mehr nur abwehrende Haltung gegenüber den Medien die Oberhand. Die Medien wurden nun in ihren gestalterisch-kreativen Potenzialen für die Bildungssozialisation wahrgenommen. Als Leitbegriffe dominierten jetzt kommunikative Kompetenz, Lebenswelt, Alltag, authentische Erfahrung, handeln- des Lernen und vor allem Handlungskompetenz und Medienkompetenz. Durch handelndes Lernen im Gegenstandsbereich der sozialen Realität sollte in der Verbindung von Reflexion und Handeln die Realität sowohl angeeignet als auch mitgestaltet und verändert werden. Studiengänge wie “Visuelle Kommunikation”, die in den 70er Jahren eingeführt wurden, sind Ausdruck dieses Paradigmenwechsels, ebenso wie z.B. der “Subjektive Dokumentarismus” in der Fotografie in den 70er Jahren.

In den letzten Jahren hat Dieter Baackes Definition von Medienkompetenz besonde- re Bedeutung erlangt. Baacke gliedert den Begriff in vier Dimensionen: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Um das komplexe Begriffsystem anschaulich zu machen, ist folgendes Diagramm hilfreich, wobei die beiden Aspekte Medienkritik und Medienkunde die Dimension der Vermittlung umfassen. Die Dimension der Zielorientierung liegt im Handeln des Menschen. Hierbei spielt also die Nutzung von Medien eine gewichtige Rolle.

MEDIENKOMPETENZ
VERMITTLUNG ZIELORIENTIERUNG
Medienkritik

  1. Analytisch
  2. reflexiv
  3. ethisch
Medienkunde

  1. informativ
  2. instumentell-qualifikatorisch
Mediennutzung

  1. rezeptiv, anwenden
  2. interaktiv, anbieten
Mediengestaltung

  1. inovativ
  2. kreativ

Medienkritik
soll analytisch problematische gesellschaftliche Prozesse angemessen erfassen. Jeder Mensch sollte reflexiv in der Lage sein, das analytische Wissen auf sich selbst und sein Handeln anzuwenden. Die ethische Dimension daran ist, das analytische Denken und den reflexiven Bezug als sozial verantwortet abzustimmen und zu definieren.

Medienkunde
umfasst das Wissen über die heutigen Mediensysteme. Die informative Dimension der Medienkunde beinhaltet klassische Wissensbestände. Die instrumentell-qualifikatorische Dimension meint die Fähigkeit, neue Geräte auch bedienen zu können.

Mediennutzung
ist doppelt zu verstehen: Medien sollen rezeptiv angewendet werden (Programm- Nutzungskompetenz) und interaktive Angebote genutzt werden können.

Mediengestaltung
stellt in Baackes Ausdifferenzierung den vierten Bereich der Medienkompetenz dar. In den Bereich Mediengestaltung fallen die innovativen Veränderungen und Entwicklungen des Mediensystems und die kreativen ästhetischen Varianten, die über die Grenzen der alltäglichen Kommunikationsroutinen hinausgehen. – Dies also könnte der Kunst zugeschlagen werden.

Es zeigt sich bereits bei dieser überblicksartigen Betrachtung des Begriffs Medienkompetenz und den Möglichkeiten seiner Vermittlung, dass sich ein Hauptaspekt herauskristallisiert: durch aktive (Be-)Nutzung der Medien soll sich eine Kritikfähig- keit herausbilden, die zum Auswählen unterschiedlicher Medienangebote genutzt werden kann. Kurz: Die eigene aktive Arbeit mit einem Medium ermöglicht dessen kritische Nutzung im beruflichen und privaten Alltag.

Medienkompetenz Teil III – Ästhetik als medienpädagogischer Orientierungsrahmen