Fotografie im Zeitalter des Web 2.0

Fotografie im Zeitalter des Web 2.0 (© malljep)

Zwischen der Begeisterung über die unendlichen Möglichkeiten der neuen Netzfotografie und der Verteufelung insbesondere des Netzes etwa als Hort „Digitaler Demenz“ (Manfred Spitzer) liegen Welten. Die Wahrheit dürfte – wie so oft – dazwischen liegen. Wenngleich ich tendenziell zu den Skeptikern gehöre und all meine früheren Aufsätze zu den Themenbereichen „Medienkompetenz und ästhetische Erziehung“ eher die kritische Sicht bemühen, geht es mir heute darum, die neuen Kommunikationsformen der Fotografie am Beginn einer neuen Dekade zu beleuchten und dabei Aspekte ihrer neuen technologischen, künstlerisch-ästhetischen und politisch- gesellschaftlichen Bedeutung zu thematisieren.

Das „neu“ ist hier durchaus bewusst dreimal gesetzt. Denn an der heutigen Fotografie ist alles neu: die sie hervorbringenden Geräte, der Akt und die Gesten des Fotografierens selbst, die Bilderzeugung und die Bildbearbeitung sowie v.a. die Präsentationsformen und ihre Distribution. An dieser Schwelle zu einem neuen Abschnitt in unserer gesellschaftlichen Entwicklung sind wir Mit-Verursacher und Zeuge zugleich: es geht um nicht weniger als Abschied zu nehmen von bisher gültigen fotografischen Glaubenssätzen und Werten, die sowohl unsere ästhetischen Maßstäbe, unsere Anschauungen und tatsächlich sogar unsere Art der zwischenmenschlichen Kommunikation betreffen. Das „Neue“ hat vor allem auch mit Bildern zu tun. Und Bilder, so wie wir sie kennen und wahrnehmen, das sind heute fast ausschließlich nur noch Fotografien.

Um zu verstehen, was denn die neuen Kommunikationsformen sind, ist es gut zu wissen, was denn die alte Kommunikation ist. Es ist nicht übertrieben, hier ganz weit zurück zu gehen bis zu den ersten sichtbaren Zeichen, die die Menschheit entwickelt hat, um den Dingen eine Bedeutung zu verleihen oder um auf spezifische Erscheinungen hinzuweisen (etwa die Höhlenmalerei). Denn Zeichen und Symbole wurden seit ihrem ersten Auftreten als Träger der zwischenmenschlichen Kommunikation genutzt, sie mussten gelernt und decodiert werden und brannten sich so in unser visuelles Gedächtnis ein. Über Jahrtausende wurden die Zeichen und Symbole modifiziert, verfeinert und innerhalb der jeweiligen Kulturkreise angepasst, so dass daraus das sogenannte „kulturelle Gedächtnis“ einer jeden Kultur, in der Folge auch das einer jeden Nation entstand.

Wie wir wissen, entwickelte sich aus den Zeichen und Symbolen die Schrift. Wer sich mit Typographie befasst, wird zudem wissen, dass einzelne Zeichen in ihrer Form unmittelbar von ihrem symbolischen Vor-Bild abgeleitet sind (etwa die Keilschrift, Hieroglyphen). Die Entwicklung der Symbol-Schrift hin zu einer Maschinenschrift ließ die ursprüngliche Bedeutung der einzelnen Zeichen immer mehr verschwinden, bis in der serifenlosen Groteskschrift der symbolische Gehalt des Zeichens auf einen abstrakten Buchstaben reduziert wurde. In der Schule lernen wir deshalb das Alphabet, um die verloren gegangene Bedeutung der an sich abstrakten Buchstaben in bedeutende Worte fassen zu können, deren Semantik und Syntax wir wiederum kennen (bei dem Wort „Wasser“ beispielsweise haben wir eine klare Vorstellung davon, was dieser Begriff bedeutet, kommen Adjektive wie z.B. „reißend“ oder „ruhig“ hinzu, sehen wir im Geiste einen wild fließenden Strom oder ein stilles Gewässer).

Kompliziert wird es, wenn man die pragmatische Funktion der Worte betrachtet, denn dann muss man nicht nur die Bedeutung des Wortes kennen, sondern es bedarf ebenfalls der Kenntnis und des Verstehens der Kontextabhängigkeit, also des Auftreten des Wortes innerhalb eines bestimmten textlichen Zusammenhangs (das Wort „Wasser“ beispielsweise hat in einer Umweltbroschüre eine vollständig andere Bedeutung wie das gleiche Wort innerhalb eines Gedichts). – Wie wir später sehen werden, lassen sich dieselben Prozesse auch auf Fotografie bzw. die Art wie wir Bilder verstehen und interpretieren, übertragen.

Kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Dieser Prozess vom bildhaften Zeichen hin zur Abstraktion des Wortes, hat sich im Laufe unserer Evolution in unserem Gehirn sprichwörtlich „eingebrannt“. Die Fähigkeit, die Bedeutung von an sich abstrakten Buchstaben als Worte zu entschlüsseln, ist wesentlicher Bestandteil unseres Zusammenlebens, sowohl in gesellschaftlich-sozialer als auch individueller Hinsicht. Wir drücken diese Bedeutung auch in unserer unmittelbaren Kommunikation, der Sprache aus. Und diese unmittelbare Kommunikation – Gegenstände und Personen mit Begriffen zu bezeichnen –, ist die erste, die ein Mensch erlernt (zum Beispiel das Wort „Mama“ beim Erscheinen der Mutter oder „Dada“ beim Verlassen der Haustür). Das Lernen hat in dieser Phase der zwischenmenschlichen Kommunikation durchaus etwas sehr Primärhaftes und findet sich in derselben Form bei den Instinkten im Tierbereich (analog zum Kleinkind bellt der Hund beim Erscheinen seines Frauchens oder wedelt mit dem Schwanz, wenn es Gassi geht).

Neben dem Erlernen von Worten lernen wir schon sehr früh auch die visuelle Kommunikation. Ein Spielzeugauto, ein Bagger oder ein Pferd wird nach einer Weile mit den sie bezeichnenden Begriffen erkannt, und das Referenzobjekt dient dann auch dazu, dieselben oder ähnliche Objekte zu identifizieren und zu benennen. Mit der Zeit lernen wir, die Eigenschaften dieser Objekte zu differenzieren, indem wir ihnen Attribute wie groß-klein, schön-hässlich, rund oder eckig usw. beifügen. Und wir erkennen diese Objekte jetzt nicht nur in der realen Welt, also in ihrer Erscheinung in der Wirklichkeit, sondern auch in ihren Abbildern und selbst in ihrer symbolischen Reduktion. Ein Auto kann nun also ein Spielzeugauto sein, es kann eines auf der Straße, ein Werbefoto in einem Magazin oder ein Symbol auf einem Straßenschild sein: es bleibt begrifflich und bedeutend immer ein Auto.

Leicht übertrieben kann man sagen, dass wir uns in der neuen Fotografie und ihrer Re-Präsentation im Internet wieder dem Primärhaften des Kleinkindalters annähern, nämlich der Reduktion auf das Symbolische, dem Regredieren auf einfache visuelle Reize und Codes.

Die Bedingungen unserer visuellen Kommunikation sind hierfür ein guter Ansatzpunkt. Wahrnehmen und Identifizieren sind die primären Aufgaben des Sehens. Wenn wir in die Welt blicken, sehen wir Objekte, die wir eindeutig benennen können, weil wir sie in unserem Kulturkreis über Jahre hinweg erlernt haben. Schwieriger wird es schon bei Gegenständen oder Erscheinungen aus uns fremden Kulturen, was sich bereits im Verstehen und/oder der Anerkenntnis der Andersartigkeit in multiethnischen Gesellschaften bemerkbar macht (so hat beispielsweise das Hakenkreuz in asiatischen Kulturkreisen auch heute noch eine durchaus positive Bedeutung, nämlich als Glücksbringer). Grundsätzlich jedoch tragen alle Objekte und Erscheinungen visuelle Merkmale, die zum einen zu ihrer Identifikation beitragen und zum anderen unsere emotionalen Beziehungen zu den Gegenständen bestimmen. Selbstredend kommen diese auch bei jeder Art der Bildgestaltung (Malerei, Grafik, Fotografie) zum Tragen und bestimmen wesentlich deren ästhetische und/oder emotionale Wirkung. Diese Merkmale sind:

  • Farbe,
  • Helligkeit,
  • Anordnung (der Gegenstände zueinander),
  • Bewegung,
  • Form (als solche wird durch Farbe und Helligkeit geprägt),
  • Größe, Richtung, Textur (Merkmale einer Form),
  • Räumlichkeit (Verhältnis der visuellen Merkmale zueinander).

In erster Linie bedienen sich Bildgestaltung und Sehprozess der Farbe und Helligkeit, um die Objekte sichtbar und emotional erfahrbar zu machen. Aus der Farblehre und -theorie wissen wir, dass bestimmte Farben spezifische Reize hervorrufen, wobei auch die Reinheit resp. Trübung oder Mischung der Farben eine große Rolle spielt (nicht umsonst gibt es „laute“ Farben wie rot oder orange, oder „ruhige“ Farben wie grün oder blau). Auch wissen wir, dass Dunkelheit vollständig andere Gefühle verursacht als Helligkeit. In der Bildgestaltung lassen sich mit diesen simplen Gesetzen ganz spezifische emotionale Wirkungen hervor rufen (etwa dark-key oder high- key), was sich gerade auch der Film zunutze macht.

Doch nicht nur Farbe und Helligkeit, auch die Objektform spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung und emotionalen Aneignung. Zum Beispiel wird das Eckige immer als männlich und hart wahrgenommen, während das Runde stets als weiblich gilt. Oder nehmen wir konkave und konvexe Formen: konvex bedeutet immer schützend, konkav stets empfangend. Diese elementaren Prinzipien der visuellen Kommunikation haben sich (gute) Designer zu eigen gemacht und gestalten entsprechend Piktogramme oder auch die Logos ihrer Auftraggeber.

Wie wir sehen, bestehen in der visuellen Kommunikation durchaus Regeln und Gesetze, die unbewusst wahrgenommen werden und sozusagen die „visuelle Sprache“, also die Bildsprache innerhalb eines Kulturkreises darstellen. Nur wer sich damit beschäftigt, ist in der Lage, diese Phänomene überhaupt zu bezeichnen und – auf der Produzentenseite – sie produktiv für Bildgestaltungen einzusetzen.

Und hier, an dieser Stelle, setzt mit der neuen Netzfotografie ein Novum, eine regelrechte Zäsur in der visuellen Kommunikation ein: waren die Produzenten von öffentlichen Bildern (Zeitungsbilder, Werbefotos, Piktogramme, Bildbuchbände, etc.) in der pre-digitalen Zeit ausschließlich Spezialisten, die ihr Handwerk gelernt hatten, so sind die Produzenten öffentlicher Bilder heutzutage alle, die nur eine Kamera, einen Computer oder ein Smartphone besitzen. Eine Milliardenschar von Amateuren, die aus unterschiedlichen individuellen Motiven heraus ihre auf das Symbolische reduzierten, stereotypen Fotos ins weltweite Netz stellen und sie damit öffentlich machen. Die einstigen privaten Fotoalben, die früher lediglich im Familien- und Freundeskreis gezeigt wurden, sind nun Teil des bebilderten Weltgeschehens. Geschossen aus allen Blickwinkeln und Ecken, als reine Selbstdarstellung oder mit allen Freuden und Leiden dieser Welt – als würde ein Lächeln oder eine Träne die Welt erklären, daran ist schon Edward Steichen mit seiner „Family of Men“-Ausstellung im Jahr 1955 gescheitert (der Vergleich hinkt, ich weiß es, aber rhetorisch passt das gerade sehr gut).

Ich bin kein Freund von Statistiken, aber es gibt zur neuen Netzfotografie ein paar Zahlen, die schwindelig machen. Pro Tag werden auf Facebook etwa 200 Millionen Fotos von den rund 800 1000 Millionen Facebook-Nutzern hochgeladen 1. Täglich 200 Millionen Fotos! Leider konnte ich nirgendwo eine verlässliche Quelle finden, die angibt, wie viele Fotos in der analogen 150-jährigen Fotografiegeschichte zwischen 1839 und 1989 insgesamt produziert wurden, aber ich schätze, dass zwischen der täglichen Ration Facebook und der 150-jährigen analogen Zeit diesbezüglich kein großer Unterschied besteht!

Weiter: Pro Minute werden auf Facebook rund 135000 Fotos hochgeladen, pro Minute, Sie haben richtig gelesen! Pro Monat sind das mehr als 3 Milliarden Fotos, jährlich also 36 Milliarden Fotos. Gegenwärtig lagern auf den Servern von Facebook rund 800 Milliarden Fotos. Dabei ist Facebook noch nicht einmal ein Online-Fotodienst, sondern „nur“ ein sog. „Soziales Netzwerk“. Und in dieser Sparte ist Facebook zwar mit Abstand am größten, aber weißgott nicht das einzige dieser Netzwerke. Nimmt man LinkedIn (rund 200 Mio. Mitglieder), Google+ (rund 300 Mio.), Twitter (mehr als 200 Mio.), in Deutschland Xing, Studi VZ, et cetera hinzu, kommt die stattliche Zahl von mehr als 1,5 Milliarden Usern mit einem gigantischen Fotosharing-Volumen zustande, Tendenz steigend (Stand 2012, unterschiedliche Quellen).

Ende 2010 lagerten auf den Servern von FlickR mehr als 5 Milliarden Fotos. Pro Monat werden dort rund 130 Mio. Bilder gepostet, das sind pro Minute mehr als 3000. FlickR wirbt auf seiner Homepage:

„Treten Sie einer der mehr als 1,5 Millionen aktiven Gruppen bei, um an den Unterhaltungen teilzunehmen, Tipps von unseren mehr als 70 Millionen Fotografen zu erhalten und Ihre eigene Geschichte durch Fotos mit anderen zu teilen.“ 2

– 70 Millionen Fotografen, ich erinnere mich noch an gar nicht allzu ferne Zeiten, da war das Wort „Fotograf“ noch eine geschützte Berufsbezeichnung….

Schaut man sich die Eigenpräsentationen einschlägiger Portale an, scheint das Internet eine Seuche am Hals zu haben, und das ist die der Superlative, das Sich-Überbieten mit Besucherzahlen, Kunden oder Bilderbergen, getreu dem Erfolgs-Motto der Medien: mehr, neu, größer. Klar, je mehr Besucher ein Portal nachweisen kann, je mehr Klicks, desto höher die Einnahmen durch Werbung. Das ist nichts Anderes als die Bekanntgabe von Auflagen bei Zeitschriften und Magazinen, wodurch diese ihre Werbeeinnahmen rekrutieren. Insoweit ist das weder verboten noch verwerflich, jedoch liefern auch hier die schwindelerregenden Zahlen von Stock-Portalen wie shutterstock (20 Mio.), fotolia (auch 20 Mio.), gettyimages (25 Mio.) oder fotosearch (14 Mio.) jede Menge redundantes Bildmaterial, ganz zu schweigen von der größten aller Bildermaschinen „Google Fotosearch“ und „Google Streetview“ (auf die ich noch zurück kommen werde). Dagegen nehmen sich eher anspruchsvolle Portale wie Lumas („magere“ 1500 Kunstfotografien) oder seenby („lumpige“ 12000 künstlerische Fotos) regelrecht bescheiden aus (Quellen: siehe jeweilige Internetpräsenzen der genannten Portale).

Hinzu kommen natürlich die Anbieter von Online-Prints wie WhiteWall, Pixum, Snapfish, Aldi- und Lidlfoto, sowie unendlich viele andere Anbieter von digitalen Fotoabzügen in Drogerien, Supermärkten oder Elektronik-Kaufhäusern. Nicht zu vergessen sind auch alle individuellen Homepages von Künstlern und Fotografen, die sich in der Summe jedoch als beinahe irrelevant erweisen. Und last but not least sind solche neuen Kommunikationsformen wie Skype oder Facetime, sowie Mischformen aus Foto und Bewegtbild, wie sie heute beinahe alle modernen Smartphones ermöglichen, in diesem Zusammenhang nicht mehr weg zu denken.

Ein gigantischer Bilderberg, der in dieser Auflistung aktuell noch nicht einmal annähernd seine Spitze erreicht hat, denn die Komplett- Ausstattung der Weltbevölkerung mit pixeltauglichen Smartphones und anderen mobilen Endgeräten hat gerade erst begonnen.

Noch einmal FlickR: „Mit Anwendungen für das iPhone, Windows 7, Android und viele weitere Systeme ist Flickr immer mit dabei. Oder verwenden Sie m.flickr.com auf Ihrem Mobilgerät, um Ihre Fotos unterwegs hochzuladen und mit anderen zu teilen“ 3.

Oder, um es allgemein zu sagen: Die beste Kamera ist die, die man immer dabei hat. Und ihre Kamera immer dabei, haben inzwischen Milliarden von sog. Fotografen!

Nach einem solch atemberaubenden Exkurs in die Zahlenwelt und den vorausgegangenen Einblicken in die Welt der visuellen Kommunikation stellen natürlich Fragen. Diese sind (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Wie lässt sich eine derart gigantische Masse von Bildern überhaupt mental begreifen?
  • Wo werden diese Bilder gelagert, was sind die Bedingungen für die Lagerung im Hinblick auf ihre Haltbarkeit, Archivierung, das Copyright und den Energieaufwand resp. die Umweltbelastung?
  • Was bewirkt die Automatisierung des Herstellungsprozesses und die grenzenlose intermediale Weiterverarbeitung von Fotografien?
  • Wie wirkt sich die Präsentation und Rezeption von Fotos auf Bildschirmen auf die ästhetischen Grundprinzipien des Mediums Fotografie aus (z.B. Kunst- versus Werbefotografie)?
  • Was sind Bilder eigentlich noch wert, wenn ihre Herstellung nichts kostet?
  • Wenn jeder ein Fotograf ist, was ist dann Fotografie?
  • Welche Auswirkungen hat die neue Netzfotografie für die fotografische Ausbildung?

Andreas Müller-Pohle, Herausgeber und Autor der renommierten Jahreszeitschrift „European Photography“, schreibt in der Frühjahrsausgabe 2010 im Leitartikel über Netzfotografie: „Vom Museum ins Netz, von der Wand zum Schirm: Ein neues Medium hat die Fotografie erobert, ein neuer Typus Bild ist im Entstehen. Die Netzfotografie – jene Fotografie, die zu dem vorrangigen Zweck entsteht, im Internet präsentiert und rezipiert zu werden.“

Müller-Pohle geht vom Ende der Kunstfotografie aus, die angetreten war, den Dokumentarismus abzulösen, doch statt bildmäßiger Fotografie (pictorialism) nur noch „übertriebener, pompöser „big-torialism“ gewesen sei, dessen ästhetische Programme sich erschöpft hätten:

„Und da die Kunstfotografie kein anderes als ein ästhetisches Programm besaß, war ihre Dekadenz, ihre Drift in Glätte und Dekor unausweichlich“. Mit der Netzfotografie werde die Fotografie dagegen erstmals in ihrer Geschichte zu einem Medium „totaler sozialer Kommunikation“, wesentlich bedingt durch die Rückkopplung, das feedback und das rating der community: „Erst durch Feedback wird der Auftritt zum spannenden Akt. Bildportale mit Ratingfunktion …. bieten das perfekte Interface zwischen Exhibitionismus und Voyeurismus, Unterwerfung und Macht: der Unterwerfung unter ein anonymes Votum – und der Macht, unzählige solcher Voten selbst ausüben zu können“ 4.

Aus psychologischer Sicht ist das eine brauchbare Analyse, zumindest was die Motivation der Netzfotografen angeht. Seit es Fotografie gibt, sind Exhibitionismus und Voyeurismus wesentlich die Triebfedern des Mediums in einem wechselseitigen Verhältnis. Etwas herstellen und zeigen, um es betrachten und beurteilen zu lassen, ist seit jeher dem Akt des Fotografierens immanent. Geht es dabei um die eigene Person, so wird dieser Akt umso spannender, da nun beides – Exhibitionismus und Voyeurismus – zusammen kommt. Und mit der Veröffentlichung im Netz und dem feedback, dem Rating einer meist unbekannten Gruppe von Personen, erfährt der Mensch in unserer Gesellschaft eine gehörige Aufwertung, indem er oder sie zur öffentlichen Person aufsteigt. Die unzähligen Rating-Staffeln des Fernsehens („Deutschland sucht den Superstar“, „Germany‘s Next Top-Model“, et cetera) machen dies auf exemplarische Weise vor.

Die Ausgabe dieser „European Photography“ ist komplett mit Fotografien aus dem Netz resp. FlickR bebildert. Müller-Pohle schreibt hierzu im Fazit: „Die Fotografen dieses Heftes sind keine Künstler und keine Fotografen im traditionellen Sinne. Sie sind Netz-Fotografen. Sie repräsentieren einen neuen Typus von Bildermachern, die die Fotografie nutzen, um sich die Welt visuell zu erschließen, sich in der Welt darzustellen und die Befunde hernach mit aller Welt zu teilen. Und die uns, fernab von Museen und Messen, Kuratoren und Kritikern, einladen, uns ein eigenes Urteil darüber zu bilden, was Kunst ist und was nicht – und ob diese Frage überhaupt noch eine Rolle spielt im Netz.“ (Quelle: siehe oben.)

Hier geht es um nichts anderes als das Private, genau gesagt, die Zurschaustellung resp. das Verschwinden des Privaten, seine Auflösung und Ausbeutung im Öffentlichen Raum. Auf der einen Seite wird es gefeiert wie eine Party, auf der anderen Seite in Grund und Boden verdammt. Christian Heller etwa, Blogger und Autor, gibt in seinem im letzten Jahr erschienenen Buch „Post Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre“ 5 allerlei Ratschläge für das Leben in der modernen „Transparenzgesellschaft“. Durch Google StreetView, Apple, Facebook & Co. sei die Privatspähre als persönlicher Schutzraum, dessen Verschwinden Hannah Arendt noch 50 Jahre zuvor als „Enteignung“ und sogar als „Gefahr für das Menschsein überhaupt“ bezeichnet hatte, praktisch gestorben. Es gelte nun, das Leben ohne die Sicherheiten der Privatspähre neu zu gestalten (Anm. des Autors: Transparenzgesellschaft, das ist ein ziemlich cooler und griffiger, aber an dieser Stelle absolut falscher Begriff, gehört Transparenz doch zum Besten, was wir haben, nämlich Information). – All die großen Unternehmen, die gierig nach den persönlichen Daten ihrer potenziellen Kunden spüren und bereit sind, dafür Millionen auszugeben, dürften sich angesichts der freiwilligen Selbstverwanzung jedenfalls ins Fäustchen lachen.

Zum Datenhunger der Online-Portale jeglicher Couleur will ich ein kleines, gar nicht so lustiges Beispiel geben: im August des vergangenen Jahres habe ich den vermeintlich überfälligen Schritt gewagt und mich endlich mal bei Facebook angemeldet. Und zwar als F&F, weiblich, 107 Jahre alt, sonst nichts (subversiv zu sein, kann manchmal ganz schön Spaß machen). Ohne auch nur ein einziges Mal auf die Seiten von Facebook gegangen zu sein, habe ich seither ca. 100 automatisierte Emails von Facebook erhalten, meist mit der Aufforderung: F, du hast mehr Freunde auf Facebook als du denkst! Vor kurzem hat mich eine Bekannte spaßeshalber als Freund eingeladen, was ich ebenso neugierig wie ausnahmsweise einmal bestätigt habe. Seither bekomme ich fast täglich Emails von Facebook mit den Portraits! von den Freund/Innen jener Bekannten, die ich zwar nicht kenne, aber doch bitteschön auch zu meinen Freunden machen kann. – Ich bin sprachlos: angesichts dieses unglaublich transparenten Datenschutzes kann man wirklich nur noch ehrfürchtig staunen! Und eine Vorstellung darüber, woher denn die täglich mehr als 300 Milliarden Emails herkommen, habe ich jetzt auch!

Milliarden andere User und Profiteure sehen das offensichtlich nicht so. Die Begeisterung über die neuen, fantastischen Möglichkeiten der Ausbeutung werden besonders deutlich an der stets unkritischen Rezeption technischer Neuerungen in den Medien. Exemplarisch dafür mag der nachfolgende Text aus der Computer Bild stehen:

„Die Kamerasuchfunktion „Goggles“ der „Google Mobile App“ gibt es jetzt auch für das iPhone. Goggles analysiert das Kamerabild des Handys und liefert Informationen zum fotografierten Objekt. Die Anwendung, seit einiger Zeit bereits für Android-Handys verfügbar, ist keine separate Applikation, sondern Bestandteil der neuen Version Google Mobile App 0.7. Sie schickt das fotografierte Objekt an einen Google- Server. Dort erfolgt ein Abgleich mit allen vorliegenden Infos zum Bildinhalt. Die Suchergebnisse bekommt der Nutzer als Listenansicht aufs Handy. Neben Landschaften und Stadtansichten erkennt Goggles Schriften und Strichcodes. Das erweitert den Spielraum der App: So sind etwa Produkte anhand eines Fotos des Logos im Internet auffindbar.“ 6

Na also, was will man mehr: Hier mutiert die Kamera zum gottgleichen Universalgenie, das nicht mehr nur die Natur nachbildet, sondern bereits in der Lage ist, die weit über die Abstraktion der Schrift hinaus gehenden Codes der universellen Warenwelt zu decodieren. – Wie wunderbar einfach und unschuldig war der Fotoapparat doch noch im Jahr 1845, als „The Pencil of Nature“ von William Henry Fox Talbot den Siegeszug des neuen Mediums markierte! (Anm. des Autors: erstaunlich ist übrigens, wie sich QR- Codes und das Deckblatt der Originalausgabe dieses Werkes gleichen!)

Seit jeher war Fotografie eine Strategie der Authentifizierung, der Gewissheit eines Roland Barthes‘ „es ist so gewesen“, oder des „Finger- Abdruck-Prinzips“, wie uns dies André Bazin in seinem berühmten Aufsatz zur Ontologie der fotografischen Bilder schon 1950 aufgezeigt hat. Fotos benötigen die Wirklichkeitsspur, insbesondere in den Bereichen des Journalismus und des privaten Knipsens. Auch und insbesondere die soziale Kommunikation im Netz basiert auf der Wirklichkeitstreue der geposteten Bilder. Sie dürfen unscharf sein oder von miserabler technischer Qualität, doch gibt es ein Gesetz: der Gegenstand, also das Ab-Bild aus der Wirklichkeit, muss erkennbar bleiben. Die Abstraktion kennt der Knipser nicht.

Im Netz verschwimmen auch die Grenzen zwischen professionellem Journalismus und Knipsertum, wie dies die vielen Amateur-Videos und -Fotos aus Krisengebieten eindrucksvoll belegen. Selbst die professionelle Fotoreportage wird von dieser Entwicklung nicht mehr verschont. Die Bilder des amerikanischen Reportage-Fotografen Michael C. Brown, der all seine Fotografien im libyschen Bürgerkrieg mit dem iPhone an vorderster Front gemacht hat, sind hierfür ein eindrucksvoller Beleg.

Er sagt: „Das iPhone hat mich befreit“ 7.

Kathrin Peters vermutet in ihrem Text „Sofortbilder“, dass „mit der digitalen Produktion und Zirkulation von Bildern die Differenzen zwischen High und Low, zwischen Meisterschaft und Dilettantismus, zwischen „begabtem Auge“ und bloßem „Draufhalten“ verwischen; Differenzen, die innerhalb des fotografischen Feldes Qualität markierten. Darüber hinaus wird auch die Mediendifferenz von stehendem und bewegten Bild unscharf, wenn nämlich pictures und movies mit einem einzigen Apparat hergestellt und betrachtet werden können“ 8

Wenn wir eingangs sagten, die Wahrheit in der Beurteilung der neuen Netzfotografie liegt etwa in der Mitte, müssen nun auch noch die Fachleute gehört werden, die ihre aktuellen Statements in der Winterausgabe der „European Photgraphy“ 2013 unter dem Titel „Die Neuerfindung der Fotografie – Ein Mosaik“ abgegeben haben. Hier finden wir einige interessante Aspekte und Antworten auf die weiter oben gestellten Fragen 9.

Alasdair Forster, Direktor eines Kultur-Consulting-Unternehmens in Sydney, schreibt zur Situation der zeitgenössischen Fotografie:

„Das dritte Zeitalter hat begonnen. Die Kamera des 19. Jahrhunderts hat uns ferne Dinge näher gebracht….Im 20. Jahrhundert rückte der Aspekt des Archivierens in den Vordergrund: Fotos als Träger der Erinnerung…. Im 21. Jahrhundert…Konversation statt Konservierung… Heute steht Fotografie für Leben und Zwischenmenschlichkeit, nicht für Tod und Ferne. Ich halte das für eine sehr positive und aufregende Perspektive“.

In die völlig andere Richtung denkt Christoph Tannert, Künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Bethanien in Berlin. Sein Statement lässt sich – nicht zuletzt wegen der expliziten Sprache – nicht ungekürzt wiedergeben, weswegen ich den Text an dieser Stelle vollständig zitiere:

„Das fotografische Feld ist gerodet. Alles, was in der Fotografie Maßstäbe setzte, ist erledigt, dafür gilt der peinliche Zwang zur Wiederholung und Überbietung als der Königsweg, um Museen zu penetrieren und Kasse zu machen. Was früher weniger ans Licht trat, der ungebremste Eifer der Dilettanten, ein anschwellender Misston, pfählt heute allerorten den Sehnerv. Heerscharen von Nichtwissern fluten Reviewings und Fotofeste. Von Schwarmintelligenz eingekreist und niedergestreckt von den Lobbygruppen der neuen Technologien, wird der fotografische Separatist eingesargt in seinen selbstgewählten Ahnenreihen, zugemüllt unter Bilderbergen, die die Medien uns als authentische Zeugnisse der Welt zu verkaufen trachten. Die Fotografie heute, in all ihren Bereichen, versteht sich nicht mehr von der Tradition her, sondern sieht nur noch die Oberflächen. Es fehlen die fundamentalen Tiefbohrungen. So verkommen die fotografischen Bilder zu Treibgut im Sog des Internet und der Werbung“.

Mit anderen Worten: Die Fotografie geht unter im Meer ihrer Möglichkeiten.

Wie wir sehen, driften die Einschätzungen über die Segnungen des Internet und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten für die Fotografie ziemlich weit auseinander. Der chinesische Kulturkritiker Oscar Ho hat für die neue Fotografie eine wunderbare Methapher benutzt, indem er den Akt des Fotografierens als einen „beiläufigen, fast unabsichtlichen Vorgang“ bezeichnet, ähnlich der „automatischen Aufzeichnung eines visuellen Bewusstseinsstroms“, bei dem das Ritual der Aufnahme verschwunden ist. Denken wir zurück an die unzähligen „Schulen des Sehens“, die typischen Gesten des Fotografierens, den Respekt, den wir der Fotografie einst entgegen brachten, so ist das Fotografieren heute tatsächlich zu einem Akt der unbewussten, quasi automatischen Aufzeichnung geworden. Jeder kennt das Phänomen: egal wo man sich befindet, zu jeder Zeit und zu jeder Gelegenheit werden die Mobiles gezückt und Fotos geschossen ohne Ende, um Zeugnis davon abzulegen, dass ich da gewesen bin, dass ich lebe, und dass ich das unzähligen anderen Menschen im Netz mitteilen kann.

Dieser Automatismus einschließlich des verloren gegangenen Respekts vor dem Medium bewirkt, dass weder die Fotografie als Medium noch deren Produkte wert geschätzt werden, ja dass das Milliardenheer der Smartphone-Fotografen noch nicht einmal mehr weiß, dass es überhaupt das Medium Fotografie benutzt. Einher geht damit die Wertschätzung für die Produkte des Mediums, denn wenn etwas nichts kostet, wieso sollte es dann einen Wert besitzen? Marc Prüst, Fotografieberater und Kurator in Paris, führt hierzu aus: „Der Wert, der dem Akt des Fotografierens einstmals innewohnte, existiert nicht mehr. Das führt, neben einer Schwemme von Bildern, dazu, dass auch das Publikum keinen Wert mehr darin sieht: Wenn das Herstellen eines Bildes so mühelos ist, warum sollte man es dann wertschätzen?“.

Die Mühelosigkeit der Handhabung und der Herstellung bewirkt, dass die Kamera – neben dem Telefonieren, SMS-Schreiben, mal schnell ins Internet gehen und Video-Konferenzen führen – auch für Zwecke benutzt wird, die in der früheren fotografischen Praxis undenkbar waren: die Ablichtung des Kühlschrank-Inhalts als Ersatz für den Einkaufszettel, das Scannen von QR-Codes für das Einholen von Preistabellen oder Qualitätsurteilen, „Die Fotoüberweisung für Ihr iPhone“ (aktueller Deutsche Bank Werbeslogan), das Bezahlen an der Kasse im Supermarkt oder im Kino, auch das Ordern von Flug-Tickets mittels fotooptischen Passbook-Verfahren ist kein Problem mehr. – Die Fotografie als Medium hat sich in einem Meer von Funktionen aufgelöst, die Kamera ist zur universellen Allzweckwaffe mutiert, das Netz türmt Berge von Bildern auf, die kein Mensch mehr fassen kann. Fotograf zu sein, ist unter diesem Gesichtspunkt weißgott keine Auszeichnung mehr!

Doch nicht nur das: es braucht inzwischen gar keine Fotografen mehr! Die in Computer eingebauten Kameras arbeiten auch vollkommen losgelöst von der Bedienung eines Fotografen, Skype und Facetime sind beredte Zeugen einer Fotografie, bei der sich die Akteure nur noch vor der Kamera bewegen, ein Dahinter ist nicht mehr nötig. Denken wir schließlich an die Fotomaschine Google Street View, scheint sich Edward Westons Traum von der „objektiven Maschinenfotografie“ endlich erfüllt zu haben. 1924 schrieb Weston:

„Ich versuche nicht mehr, mich selbst auszudrücken, meine Persönlichkeit der Natur überzustülpen, sondern … die Dinge zu sehen oder zu erkennen, wie sie sind, ihre wahre Beschaffenheit, so dass meine Aufnahmen keine Interpretationen sind, sondern eine Offenbarung, … hin zu einem absoluten, unpersönlichen Wiedererkennen. … Der Künstler ist nicht ein kleiner Gott auf einem Thron, befugt, seine Kopf- und Bauchschmerzen auszubeuten und auszustellen. Er ist ein Instrument, durch das die stumme Menschheit spricht“ 10.

Google Street View ist das perfekte Instrument, durch das die stumme Menschheit spricht: leidenschaftslos, ohne persönliche Interessen, frei von Eitelkeit und Narzissmus, scheint die Bilder- Maschine der Idealvorstellung Edward Westons so nahe zu kommen wie dies zuvor nur Überwachungskameras konnten. Boris von Brauchitsch schreibt im Frühjahr 2011 zu dem Problem der globalen Bilderfassung: „Neben Facebook und Twitter befördert Google an vorderster Front jenes Demokratieverständnis, das Zugriff auf Daten mit Bewusstsein und Wissen verwechselt. Seine Erderfassung ist demokratisch, denn das Kamera-Auge kennt weder Selektion noch Diskrimierung. Nicht mehr um Auswahl geht es, sondern um Gleichheit und Verfügbarkeit“ 11.

Der entfesselte Automatismus in allen Bereichen des Mediums – mit Ausnahme der analogen Fotografie – bewirkt zweierlei: zum einen führt er zu der gigantischen, nicht mehr vorstellbaren Menge an Bildern, die vorhin skizziert wurde, zum anderen anderen wirkt er sich auf das ästhetische Bewusstsein, das Sozialverhalten und selbst auf die Kommunikation des Menschen aus. Und in allen Aspekten zur Fotografie als Kunst natürlich auch auf die zentrale Frage, inwieweit unter diesen Bedingungen eine künstlerisch-kreative Fotografie überhaupt noch denkbar und möglich ist.

Schon 1983 sprach Vilém Flusser in seiner medientheoretisch enorm wichtigen Schrift „Für eine Philosophie der Fotografie“ bereits von einer Art „visuellem Analphabetismus“ 12. Flusser erkannte bereits am Ende der analogen Zeit, dass der Fotograf zum bloßen Operateur verkommt, wenn er nur noch Funktionen ausführt, die ihm von den Programmen der Apparate vorgegeben werden. Denken wir an all die Automatismen, die bereits in den analogen Kameras eingebaut waren (Voll- und Programmautomatiken, Autofokus-Systeme, automatische Belichtungskorrekturen etc.), so war dies jedoch ein Klacks im Vergleich zu dem, was heute an technologischer Intelligenz in die Apparate eingebaut ist. Automatiken, so weit das Auge reicht: neben den alten, perfektionierten Funktionen zur Belichtung und Fokussierung, automatische Gesichtserkennung, Auslöse-Pattern (Lächeln), Motiv-Klingel via GPS (halt: hier Brandenburger Tor, bitte fotografieren!), Stimmungs-Filter für jeden Geschmack, automatische Bildbearbeitung, formatgerechte Archivierung, sofortiger Datentransfer, Bewegtbild, et cetera. Bei Smartphones – und damit werden heute die mit Abstand meisten Aufnahmen erzeugt – erübrigt sich das sogar alles: der Fotograf muss hier nur noch einmal klicken.

Auf der Basis dieser Automatisierungsprozesse hat sich seit der Digitalisierung des Lebens und vor allem seit dem Internet das Verhalten der Menschen in allen Gesellschaften nachhaltig verändert. Automatisierung und Kommunikation sind hierbei die wichtigsten Parameter, die es zu betrachten gilt. Und damit komme ich wieder auf den Anfang zurück.

Die Automatisierung bedingt die Reduktion der menschlichen Handlungen auf das Beherrschen von Funktionsabläufen; Vilém Flusser spricht hier sogar von der „Unterwerfung der menschlichen Absicht unter die der Apparate“. In der modernen Kommunikation hat die Sprache als unmittelbares Transfersystem gelitten, sowohl was die direkte zwischenmenschliche Kommunikation angeht, als auch ihre Grammatik. Es ist verblüffend wie beängstigend zugleich, wenn man beobachtet, dass zum einen Sprache wieder zurück übersetzt wird in Symbole und symbolische Abkürzungen (ganz zu schweigen von der immer schwächer werdenden Schreibfähigkeit dank der automatischen Korrektursysteme und der Diktierfunktionen in nahezu allen digitalen Operating Systems), zum anderen die menschliche Kommunikation selbst da, wo sie unmittelbar stattfinden könnte, durch Medienkommunikation ersetzt wird. Für das Erstere sind die überall anstelle von Texten und Inhalten verwendeten Smilies, Emoticons, Twitter- und Skype-Icons das deutlich sichtbare Zeichen (insbesondere bei den Massenkommunikations-Medien wird das Regredieren auf frühkindliche Stadien besonders deutlich, die einfachen bildhaften Zeichen stehen jeweils für ein spezifisches „Gefühl“). Für die Sekundärkommunikation mag folgendes, selbst erlebtes Beispiel aus einem Seminar stehen: Ein Student hat Geburtstag. Sein hinter ihm sitzender Kommilitone gratuliert ihm, aber nicht etwa, indem er ihm auf die Schulter tippt und beglückwünscht, sondern indem er ihm auf Facebook eine Message postet. – Herzlichen Glückwunsch, Transparenzgesellschaft!

Die Konzentration auf die Beherrschung von Funktionsabläufen führt bei Manfred Spitzer‘s in vielen Teilen sehr problematischer Schrift „Digitale Demenz“ zum Verlust der Intelligenz 13. Verlernen wir das Denken, das selbständige Überlegen, Beurteilen und Handeln, indem wir alle Aufgaben irgendwelchen Maschinen und vorprogrammierten Buttons anvertrauen, schrumpfe unser Gehirn und führe in letzter Konsequenz zur Demenz. Im Klappentext zu Spitzer‘s gleichnamigen Buch heißt es:

„Wir klicken uns das Gehirn weg: Ohne Computer, Smartphone und Internet geht heute gar nichts mehr. Das birgt immense Gefahren, denn bei intensiver Nutzung baut unser Gehirn ab … Die Grundlagen unserer Gesellschaft sind in Gefahr.“

Spitzer‘s teilweise krude, ebenso populistische wie wissenschaftlich unhaltbare Thesen wurden bereits häufig kritisiert – oft zu Recht. Dennoch gibt es einige brauchbare Gedanken wie zum Beispiel die mangelnde Verarbeitungstiefe durch horizontales Lernen oder die Abnahme von echten kommunikativen Fähigkeiten mangels sozialer Kompetenz.

Wie gesagt, liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte. Jedenfalls müssten die oben angerissenen Aspekte erhebliche Auswirkungen auf die Pädagogik in Schulen und Ausbildungsstätten aller Art haben. Teilweise wird jedoch gerade der Computer im Kindergarten gefordert, und nicht nur dort, selbst Säuglinge sollen bereits an den Computer und das Klicken auf Bildchen gewöhnt werden. „Software for Babies“ und andere Plattformen dieser Art wetteifern darum, die Kunden von morgen so infantil zu halten wie nur möglich, indem sie sie aus der symbolischen Bilderwelt gar erst entlassen.

Damit kommen wir zur fotografischen Ausbildung. Vor 30 Jahren habe ich an der damals berühmten Werkstatt für Fotografie aka Volkshochschule Kreuzberg mit dem Unterricht im diesem Medium begonnen. Mein Gegenstand war das Zonensystem, ein von Ansel Adams entwickeltes System zur exakten Vorauskalkulation von Fotografien. Dieses System, das auf den sensitometrischen Grundlagen der Fotografie beruht, habe ich für den deutschen Sprachraum aufbereitet und über Jahre an verschiedensten Einrichtungen in der alten Bundesrepublik gelehrt. Warum ich das sage? Nun, das System war derart komplex und präzise zugleich, dass einige Teilnehmer in den Kursen über Jahre hinweg nur noch ihre Filme kalibrierten, ohne je ein einziges Foto zu machen! Das war die Kehrseite der heutigen Penetration des öffentlichen Lebens mit redundanten Bildern, weswegen ich damals die von mir sogenannte „Schnappschussmethode im Zonensystem“ entwickelte, die ein wenig mehr Spontaneität ermöglichte 14.

Was aber soll ich heutigen angehenden Fotografen und Fotografinnen beibringen? Die Funktionen der Apparate sind relativ schnell erklärt, sie gleichen sich ohnehin und sind nur in ihrer Bedienung und Qualität verschieden. Ob Canon oder Nikon, Vollformat oder Halbformat, Spiegelreflex- oder System-Kamera, ist beinahe egal, denn auf die Produkte, die aus all diesen Kameras strömen, kommt es in letzter Konsequenz gar nicht mehr an. Und wenn jemand sagt, mit meinem iPhone mache ich aber genau so gute Bilder, kann ich dem noch nicht einmal widersprechen. Was antworte ich dann aber als Lehrer, wenn mich jemand fragt, warum aber mache ich dann eine dreijährige Fotoausbildung?

Ich denke, das Einzige, was in der fotografischen Ausbildung heute noch Sinn macht, ist die Vermittlung von fundiertem Wissen in puncto Fototechnik, Fototheorie und Ästhetik, und das alles in Verbindung mit einer Haltung. Einer kritischen Haltung gegenüber den Medien, dem eigenen Tun und dem Kunstmarkt. Das hat viel mit Kenntnis von der Fotografiegeschichte und ihrer Theorien, von visueller Kommunikation und den Bedingungen des Marktes, und letztlich auch mit Teilhabe an Politik und Gesellschaft zu tun. Masse zu produzieren und Anpassung an Regeln und Vorgaben bringt gar nichts; Handeln aus Überlegenheit gegenüber dem, was scheinbar opportun ist, dagegen viel.

Ich komme zum Schluss. Früher war Information ein knappes, kostbares Gut, die Teilhabe an den Bildern der Welt war beschränkt. Sich die Welt anzueignen, erforderte aktives Handeln; heute genügt ein Klick auf ein Symbol. Ebenso beschränkt war unsere Kenntnis von den persönlichen Verhältnissen unserer Nachbarn und Freunde, geschweige denn von irgendwelchen Personen aus aller Welt. Das private Fotoalbum war privat. Basta! Es gab noch Geheimnisse, Unbekanntes und Verborgenes, und das machte neugierig und war aufregend. Heute ist alles jederzeit einen Klick weit entfernt. Mir scheint, dass das übervolle Universum der Bilder und der Information ignoriert werden muss, um selbst auf einen wie immer gelagerten Weg zu kommen, der einen unabhängig von all den scheinbaren Segnungen des Netzes, von den musts and must have dieser Welt macht.

Vilém Flusser macht diesbezüglich Mut: „Erstens, man kann den Apparat in seiner Sturheit überlisten. Zweitens, man kann in sein Programm menschliche Absichten hineinschmuggeln, die nicht in ihm vorgesehen sind. Drittens, man kann den Apparat zwingen Unvorhergesehenes, Unwahrscheinliches, Informatives zu erzeugen. Viertens, man kann den Apparat und seine Erzeugnisse verachten und das Interesse vom Ding überhaupt abwenden, um es auf Information zu konzentrieren.

Kurz: Freiheit ist die Strategie, Zufall und Notwendigkeit der menschlichen Absicht zu unterwerfen. Freiheit ist, gegen den Apparat zu spielen“ 15.

Quellen

1) Facebook hat eine Milliarde Nutzer
2,3) flickr.com
4) Europena Photography 1/2010
5) Christian Heller: Post Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre, 2012
6) Google-Fotosuche fürs iPhone: Update bringt Goggles vom 6.10.2010
7) Kriegsfotograf Brown: „Das iPhone hat mich befreit“ vom 28.7.2012
8) entnommen aus: Susanne Holschbach, FotoByte
9) Alle nachfolgenden Zitate entnommen aus: European Photography 1/2013
10) Entnommen aus Wolfgang Kemp: Theorie der Fotografie Bd. II, Schirmer-Mosel neu aufgelegt 2006
11) Boris von Brauchitsch, European Photography 1/2011
12) Vilém Flusser: „Für eine Philosophie der Fotografie“, Göttingen 1983
13) Manfred Spitzer: „Digitale Demenz“, Droemer 2012
14) Peter Fischer-Piel: Das Zonensystem, Teil 1 und 2 (1986 und 1990, ikoo-Verlag Berlin)
15) Vilém Flusser: „Für eine Philosophie der Fotografie“, Göttingen 1983