Was ist PISA? Pisa untersucht unter anderem die Lesekompetenz, die mathematische und die naturwissenschaftliche Grundbildung von 15−jährigen Schülern. Bei der Pisa−Erhebung 2003 stand die Mathematik im Mittelpunkt, bei der vorangegangenen Untersuchung im Jahr 2000 war es das Lesen. Zusätzlich wurde 2003 die so genannte Problemlöse-kompetenz der Schüler getestet. Der Testkonzeption liegt die Vorstellung von lebenslangem Lernen zugrunde und betont das Verstehen und die flexible, situationsgerechte Anwendung des Wissens.

Pisa 2000 löste bei der Veröffentlichung im Dezember 2001 in Deutschland den so genannten Pisa-Schock aus: Die Leistungen der hiesigen Schüler waren im internationalen Vergleich nur unteres Mittelmaß, sie sind sehr stark an die soziale Herkunft der Schüler gekoppelt, und hierzulande ist die »Risikogruppe« besonders groß; fast ein Viertel der Schüler genügt den Mindestanforderungen im Lesen und Rechnen nicht. Pisa E (“E” für Erweiterung) 2000 offenbarte dann das innerdeutsche Leistungsgefälle (Bayern oben, Bremen unten). Pisa 2003, veröffentlicht im Dezember 2004, zeigte eine leichte Verbesserung der deutschen Leistungen im internationalen Vergleich. Und Pisa 2003 E macht nun den Anteil der einzelnen Bundesländer an dieser Verbesserung sichtbar.

Sind die Pisa−Ergebnisse wirklich so wichtig?

Ja. Sie zeigen, wie gut die Schüler grundlegende Kulturtechniken beherrschen, die im Leben gebraucht werden. Getestet werden die Lesefähigkeit, das Verständnis von Mathematik und den Naturwissenschaften sowie die Fähigkeit zum Lösen fächerübergreifender Probleme. Natürlich muss die Schule mehr vermitteln, aber wer über diese Basiskompetenzen nicht verfügt, wird es in Beruf, Familie und Gesellschaft schwer haben.

Sind die Schüler tatsächlich besser geworden?

Ja. So weit die kurze Antwort. Die längere geht so: Es gibt Grund zu vorsichtigem Optimismus. In Mathematik und in den Naturwissenschaften sind die deutschen Schüler messbar besser geworden, kein Bundesland ist zurückgefallen. Beim Lesen hat sich im Bundesdurchschnitt nicht viel getan, dafür aber beieinigen Bundesländern. In allen Bereichen besser geworden sind Sachsen−Anhalt, Bremen, Brandenburg, Sachsen und Thüringen. In Mathematik und Naturwissenschaften legten zu: Bayern, Mecklenburg−Vorpommern, Niedersachsen und das Saarland. In den Naturwissenschaften verbesserten sich Nordrhein−Westfalen und Schleswig−Holstein, Hessen in einem Teilbereich der Mathematik. Keine nennenswerten Veränderungen gibt es in Baden−Württemberg und Rheinland−Pfalz.

Und was gibt es zu mäkeln?

Deutsche Schulen werden sozial immer ungerechter. Der PISA−Bericht zeigt: Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland immer stärker über den Schulerfolg eines Kindes… Bereits der erste PISA-Test hatte belegt, dass in keinem anderen Industriestaat der Welt das Schulsystem bei der Förderung von Arbeiter− und auch Migrantenkindern so versagt wie in Deutschland. Auf dem Weg zum Abitur ist in Bayern die Chancenungleichheit besonders stark ausgeprägt. Kinder aus der Oberschicht haben dort eine 6,65 Mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen und die Reifeprüfung abzulegen, als Schüler aus einem Facharbeiterhaushalt. Und: Dort, wo die Leistung zunahm, wuchsen auch die sozialen Ungerechtigkeiten. Vergleichsweise sozial ausgewogen präsentieren sich bei diesem Vergleich auch die Schulen in Niedersachsen (2,63), Hessen (2,71) und Schleswig-Holstein (2,88).

Am besten schneidet Brandenburg mit einem Wert von 2,38 ab. Das Land hatte jedoch beim bundesweiten Vergleich der Schülerleistungen einen der letzten PISA-Plätze belegt. Bayerns Schüler sind Spitze im Lesen, in Mathematik, den Naturwissenschaften und im Problemlösen. Gleichzeitig ist Bayern zusammen mit Brandenburg der deutsche Gerechtigkeitssieger – wenn es darum geht, was etwa die Einwanderer- oder Arbeiterkinder als 15-Jährige wissen und können. Es gelingt den Südstaatlern also am besten, wie die Bildungsforscher sagen, die Leistung von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Andererseits baut Bayern – zusammen mit Schleswig-Holstein – die höchste soziale Hürde vor dem Gymnasium auf. Noch immer ist der Weg über das Gymnasium der leichteste auf dem Weg zum Abitur , dem entscheidenden Abschluss, der den Zugang zum Studium ermöglicht. Bayern ist also besonders ungerecht in der Übergangs- oder Abschlussgerechtigkeit. Das ist besonders ärgerlich, weil die soziale Ungerechtigkeit tatsächlich die klaffende Wunde unseres Schulsystems ist; das hat die erste Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 klar belegt.

Für das Hauptproblem der deutschen Schule deutet sich noch keine befriedigende Lösung an: die Existenz einer großen Gruppe (ein knappes Viertel) so genannter Risikoschüler, die nicht einmal eine Bewerbung um eine Lehrstelle schreiben können. Jahr um Jahr verlassen sie die Schule, ohne die Chance, im Berufsleben Fuß zu fassen. In seiner Rede vor Vertretern der Wirtschaftsverbände stellte Bundespräsident Horst Köhler am 15.3.2005 fest: “Fast 9 Prozent aller Schülerinnen und Schüler – das sind jährlich rund 85.000 – bleiben ohne Abschluss. Unternehmer klagen darüber, dass immer mehr Bewerber nicht richtig rechnen und schreiben können. Unsere Schulen und Universitäten sind im internationalen Vergleich bloß noch Mittelmaß. Wie lange wollen wir noch zusehen?”

Andreas Schleicher, Leiter der PISA-Studie, kommentierte das PISA-Ergebnis zusammenfassend: “Sicher ist die Qualität des Unterrichts der Schlüssel zu besseren Lernergebnissen. Aber es wäre naiv, zu glauben, dass sich die Qualität des Unterrichts allein oder auch nur maßgeblich mit neuen didaktischen Konzepten oder Lehrerbildungsmaßnahmen beeinflussen ließe. Den Unterricht nachhaltig verbessern werden nur wirksame Motivations− und Unterstützungssysteme in den Schulen, die Lehrern und Schülern helfen, voneinander und miteinander zu lernen, und die Perspektiven für professionelle Entwicklung bieten und Kreativität, Innovation und Verantwortung einfordern. Das lässt sich in gegliederten Systemen wie dem deutschen nur schwer realisieren……..Viele der erfolgreichen Staaten setzen heute weniger auf von oben verordnete Maßnahmen, sondern bieten den Schulen Maßstäbe für den Erfolg von Bildungsleistungen an, gekoppelt mit größeren Freiräumen und wirksamen Unterstützungsinstrumenten. Sie erwarten von den Schulen dann aber auch wesentlich mehr Verantwortung für den Bildungserfolg.” (Zeit 08/2005).

Zusammenfassend ergibt sich folgende These: PISA hat zu einem Erfolgs- und Leistungsdruck geführt, der nur die Basiskompetenzen berücksichtigt, aber das notwendige und auch geforderte “frühe Lernen, mehr individuelle Förderung, vergleichbare und international anerkannte Bildungsstandards, mehr Wettbewerb und Autonomie der einzelnen Schulen und Universitäten, Förderung in der Breite und an der Spitze, lebenslanges Lernen” in der notwendigen Breite nicht ermöglicht. PISA resp. seine Kommentatoren verkennen, dass Bildung heute eine weithin von den Medien abhängige Kulturtechnik ist, die sich außerhalb der Institution Schule resp. Universität ereignet und auch dort erworben (oder auch nicht erworben) wird. Die Fragestellung muss also lauten, wo findet Kulturelle Bildung statt, welche sind ihre Bedingungen, welches ihre Qualitäten? Um diese Fragen geht es im folgenden Kapitel, das sich auf die Expertise „Kulturelle Bildung im Medienzeitalter“ zur Vorlage bei der Bund – Länder – Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung im Auftrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, verfasst von Karl-Josef Pazzini, Universität Hamburg, Juli 1999, stützt.