Die Lehren aus PISA wurden zum Teil gezogen, die Verbesserungen beim letzten PISA-Test scheinen das zu belegen. Aber dies betrifft – wie gezeigt – nur die Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer, bei den Kernkompetenzen Lesen und Schreiben sowie der sozialen Gerechtigkeit sieht es nach wie vor düster aus.

Die meisten Ansätze zur Verbesserung zielen auf Leistungsförderung ab, die Diskussion um das beste Schulsystem reißt nicht ab (Gesamtschule, 2- oder 3-gliedriges Schulsystem, Zwergschulen mit individueller Förderung, aktive statt passive Schulen – um nur einige Beispiele zu nennen). Für das Viertel von Schülern, die weder Lesen noch Schreiben noch sich richtig artikulieren kann und das Problem der Integration wurden bislang noch keine adäquaten Lösungen angeboten.

Hier scheint der Computer einen Ausweg zu bieten, mit der flächendeckenden EDV-Bestückung aller Lehreinrichtungen und des damit einhergehenden Erwerbs von Medienkompetenz sollen diese Probleme gelindert werden. Allein: das Bedienen-können eines Operating Systems oder bestimmter Programme ist noch lange kein Garant für das Verstehen, im Gegenteil besteht die Gefahr , zu bloßen “Apparat-Funktionären” (Flusser) oder “funktionalen Analphabeten” (Weizenbaum) zu mutieren. Eine Beobachtung, die ich im übrigen bei meinen Studenten immer wieder bestätigt finde.

Josef Weizenbaum, langjähriger Leiter des M.I.T., wendet sich ab vom High-Tech und plädiert für eine Renaissance der Sprache und des kritischen Denkens: “Es wird viel geredet über Medienkompetenz. Was wir brauchen ist die Kompetenz, kritisch zu denken und kritisch zuzuhören. Und das beruht alles auf der Kompetenz der Sprache…. Die erste Priorität für unsere Schulen ist: Wir müssen das kritische Denken unterstützen. Es geht darum, eine Art Skepsis zu lehren. Damit Kinder und Jugendliche lernen zu fragen und zu hinterfragen. Das Wort Informationsgesellschaft – what the hell does it mean? Was ist denn überhaupt Information? Was Sie in der Zeitung lesen, was im Computer so rumflackert, das sind Signale. Nur der Mensch kann Informationen herstellen. Er interpretiert diese Signale. Die Kunst zu interpretieren ist die Kunst, kritisch zu denken.”

Christoph Türcke, Philosoph und Medientheoretiker an der HGB Leipzig, merkt an, dass sich ‘Sinn nur über den Kontext’ erschließt. Schrift, ihres Sinns beraubt, verliert ihren Hinweischarakter als Offenbarungsmedium und wird wie das moderne Bild zur Botschaft ihrer selbst, zum bloßen Symbol, zum marktgerechten Werbeimpuls. – Dies lässt sich im heutigen Schriftgebrauch – der so genannten “modernen Typografie” – sehr häufig nachweisen.

Was wir also haben, ist eine Medienkultur ohne Kompetenz. Die von der Bund-Länder-Kommission in Auftrag gegebene Pazzini-Expertise geht in die richtige Richtung und hat viele brauchbare Ansätze zu Tage gefördert. Sie an dieser Stelle zu diskutieren, würde den Rahmen dieses Vortrags sprengen. Dennoch einige kurze Empfehlungen daraus:

Der so genannte „Delors-Bericht” (UNESCO-Bericht zur Bildung im 21. Jahrhundert) spricht von „vier Säulen der Bildung”:

  1. Lernen, Wissen zu erwerben
  2. Lernen, zu handeln
  3. Lernen, zusammen leben zu können
  4. Lernen für das Leben.

Es ist offensichtlich, dass hier ein Bildungsverständnis zugrunde liegt, welches weit über ein enges Konzept schulischer und/oder beruflicher Qualifizierung hinausgeht.

Max Fuchs schlägt am Ende seiner Untersuchung zur Pazzini-Expertise „Kulturelle Bildung im Medienzeitalter” ein Programm vor, das aus verschiedenen Förderfeldern besteht.

1. Förderfeld Neues Lernen: hier könnten innovative Projekte gefördert werden, die den Gedanken der kulturellen (auch beruflichen) Grundbildung forcieren. „Neues Lernen” heißt auch, Bewältigung von Komplexität, Denken in vernetzten Strukturen. Die Integration alter und neuer Kulturtechniken lässt erahnen, dass hier der alte pädagogische Traum eines selbstgesteuerten Lernens kreativ umgesetzt werden kann.

2. Förderfeld Neue Subjektivität: Hier sind solche Projekte zu unterstützen, die sich auf die elementaren oder auch komplexen Prozesse der Wahrnehmung und Bewertung, des Erkennens, der Sinnbildung einlassen. Was heißt „Wirklichkeit”, welche „Wirklichkeit” hat wofür Relevanz, wie schafft man eigene „Wirklichkeiten”: all dies sind relevante Forschungsfragen, zu denen auch die Frage der Identitätsbildung mit Hilfe Neuer Medien gehört.

3. Förderfeld Ästhetik – Künste und neue Medien im Vergleich: hier hat der Verf. keine Ausführungen gemacht, also: Schiller gegen Bill Gates? Mies van der Rohe gegen den iPod?

4. Förderfeld Zielgruppenspezifische Umgangsweisen: alt-jung; Mann-Frau; ethnische Herkunft etc.

5. Förderfeld Kooperation: Entwicklung und Erprobung neuer Kooperationen; Frage der Partizipation; Interdisziplinäre Arbeitsansätze.

6. Förderfeld Qualifizierung: Neue Modelle der Aus- und Fortbildung der Pädagogen/Multiplikatoren und der Weiterbildung.

7. Förderfeld neue und alte technische Medien: Entwicklung der Fotografie, des Films, des Fernsehens, des Radios unter Nutzung der Neuen Medien (Anm. des Verf.: z.B. Video on Demand, Handy-Fernsehen, etc.).

8. Förderfeld Information/Dokumentation: Sichtung und Verfügbarmachen entwickelter Modelle und Programme.

Speziell für den Fotografie-, DTP- und Kunst-Bereich habe ich bereits bei einem früheren Vortrag einen Katalog der “Vermittlungspraxis” genannt, der wesentlich aus den Säulen “Produktionsästhetik” und “Rezeptionsästhetik” besteht und den ich an dieser Stelle zusammen fassen möchte:

1. Vermittlungspraxis Technik (Produktionsästhetik)

  • Vermittlung der digitalen Aufnahmetechniken (sofern Geräte dafür zur Verfügung stehen). Die Besonderheiten digitaler Kameras, One-Shot- Verfahren, HMI-Licht u.a.
  • Vermittlung der notwendigen Hardware-Voraussetzungen (Eingabegeräte, Prozessoergeschwindigkeit, Monitore, Ausgabegeräte, Transfer- und Speichermedien u.a.)
  • Vermittlung von EBV-Softwarekenntnissen (welches Programm für welchen Zweck, Techniken für Screen-Design, Web-Publishing, Techniken für Druck-Ausgabe, Datentransfer zwischen Programmen, Dateiformate u.a.)

2. Vermittlungspraxis Bildästhetik (Rezeptionsästhetik)

Was ist Fotografie? – Worin besteht die Glaubwürdigkeit eines Fotobildes? – was bewirkt, dass ein Foto glaubwürdig erscheint? – Was ist ein schönes Bild? – Was ist ein gutes Bild? – Was ist Design? Kommerz? Kitsch? – Sind Designer Künstler? – Was sind reine Verfahren, was hybride? – Ist Fotografie Kunst, wenn ein Foto 1×1 m gross ist? – Worin liegt die Funktion der Zentralperspektive? – Was geschieht, wenn die Perspektive aufgehoben wird? – ist ein unscharfes Foto gleichbedeutend mit „schlechter Fotografie“? – was geschieht, wenn auf einem Bild kein Gegenstand mehr zu erkennen ist? Diese Fragen werden in thematischen Kursen innerhalb der Bereiche Fotografie, Foto-Design, Kommunikation und Kunst behandelt und reflektiert.

  • Thema 1: Fotografien/Bilder sind Berichte, die einen Vorgang schildern, ohne Berichterstatter zu benennen (z.B. Passbilder, Objektaufnahmen für einen Katalog)
  • Thema 2: Fotografien/Bilder sind Geschichten (die narrative Funktion, als Einzelbild, Serie, Tableau, Sequenz u.a.)
  • Thema 3: Fotografien/Zeichen/Plakate sind eindeutige Botschaften (Semiotik: Syntax, Se-mantik, Pragmatik)
  • Thema 4: Fotografien/Bilder/Werbekampagnen sind Inszenierungen (Irritation, Aufmerksamkeit)
  • Thema 5: Eine Welt aus 2., 3. und 4. Hand – Recycelte Bilder, die Aura der reproduzierten Reproduktion, aus dem das Medium selbst spricht (Copy & Paste)

Wer nun glaubt, mit einem solchen Instrumentarium die aufgezeigten Probleme lösen zu können, geht natürlich fehl. Es ist die selbstverständliche Aufgabe von Pädagogen und Lehrern, sich Gedanken darüber zu machen, auf welche Weise Schülern (und Studenten und Erwachsenen, muss man hinzufügen) das Lernen vermittelt werden kann. Begreift man “Lernen” als lebenslange Aufgabe und in der Folge als die erste Kulturtechnik schlechthin, kommt man an einer Integration aller außerschulischen Bildungs- und Kultureinrichtungen und der uns umgebenden kulturellen Realität nicht vorbei. Um eine Metapher aus dem EDV-Bereich zu bemühen: neben der “Hardware” (das sind unsere traditionellen Lehrstätten mit ihren Lehrplänen, Curricula, dem Basiswissen) führt die “Software” (das ist das individuelle Erleben und Erfahren, die Tradition, die Straße, der Markt) ein mindestens gleichberechtigtes Dasein. Die Aufgabe ist nun, diese bisher vernachlässigten Größen als gleichwertige Kulturtechnik begreifbar und ver-mittelbar zu machen. Zugleich müssen wir uns eingestehen, dass die Medien die Kunst überrollt haben und die “hohe” Kunst als elementare Kulturtechnik der Bildung ausgedient hat. Diese hat im Museum ihren Platz gefunden, und vor den Museumstüren tobt das Leben.

Das Schlusswort überlasse ich Thomas E. Schmidt, der mit seinem ebenso brillianten wie messerscharfen Essay “Mit der Rasierklinge ins Auge” allerdings keinen allzu großen Optimismus verbreitet:

“Bedeutende Kunst steht in einem Verhältnis misstrauischer , wenn nicht aggressiver Gleichgültigkeit zur heutigen Gesellschaft. Die Welt soll ja gar nicht mehr ästhetisiert werden, die Träume der Avantgarden sind ausgeträumt. Jede politisch geschürte Kampfeslust der Künste hat sich verbraucht… Wo ein Künstler über einen langen Zeitraum hinweg seine private Mythologie entfaltet, wo er sich als Talkshow-Gast, als Kritiker und als Kommentator Zurückhaltung auferlegt, da gibt es ein gewisses Indiz für das Vorkommen von Kunst… Bestenfalls geht es in der Kunst ums geistige Überleben, um eine andere Weise wahrzunehmen, zu fühlen, vielleicht auch zu denken. Man kann nicht einmal benennen, worin die Belohnung des Ästhetischen für denjenigen besteht, der sich ihm ausliefert. Große Kunst bleibt für den gegensäkularen Zeitgeist eine schlechte Verbündete, und zwar nicht nur, weil sie vollkommen weltlich, sondern auch, weil sie radikal individualistisch ist: Kunst redet von Flucht, nicht von Utopie.”