Über PISA zu sprechen, scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, wo wir uns zuallererst mit Fotografie befassen möchten. Sie wundern sich vielleicht? Das würde ich an ihrer Stelle auch tun, aber Schreiben und Lesen hat substanziell auch etwas mit Bilderzeugung und Bildinterpretation zu tun. Weil unser Leben zunehmend mit Millionen von Bildern überschüttet, von Bildern gelenkt und durch Bilder bestimmt wird – egal wo wir auf sie treffen – liegt es nicht fern, dass wir lernen müssen, die Bilder zu verstehen.

Mehr noch: da Bilder nicht mehr nur noch als Bild auftauchen, sondern als Ersatz für Texte und oft verkleidet und getarnt als multimediales Medienprodukt, müssen wir lernen, diese neuen Sprachformen zu dechiffrieren, um uns in dem fließenden Strom der Bilder zurecht zu finden.

Es ist daher legitim, hier von der Notwendigkeit einer neuen Kulturtechnik zu sprechen: kulturelle Kompetenz. Und weil eine solche Kompetenz in den Lehrplänen der Kultusminister und im täglichen Schulunterricht nicht vorkommt, hat auch PISA unmittelbar damit etwas zu tun. Sie wundern sich jetzt nicht mehr? Gut so, denn diese Aufmerksamkeit werden Sie im folgenden auch brauchen.

Mit Fragen dieser Art beschäftige ich mich schon lange. 1994 habe ich in dem Vortrag “DER FRAGENDE BLICK – Anmerkung zur Fotografie” die aufkommende Unsicherheit beim Übergang zur digitalen Fotografie thematisiert. Damals ging es um ein neues Selbstverständnis für das Mediums am Ende der “alten Fotografie”. Der Verlust des Glaubens an die Fotografie als Fotografie spielte hierbei die größte Rolle. Die einstmals scharfen Grenzen zwischen den künstlerischen und kreativen Disziplinen – sei es Malerei, Plastik, Design oder eben Fotografie – waren und sind überflüssig geworden, die Begriffe „Interkunst“ oder „MultiMedia“ sind Kennzeichen dieses Auflösungsprozesses.

Zugleich waren sie zum Synonym für einen allgemeinen Kunstbegriff geworden, der auch heute keine autonome künstlerische Disziplin mehr kennt. Und das war damals der eigentliche Schock (heute hat man sich daran gewöhnt und arbeitet entsprechend “multimedial”).

Dieser Schock ist zweifellos eine Frage der Rezeptionsästhetik, also der Wirkung und Interpretation von Bildern. Damit wollte ich deutlich machen, dass nicht Technik oder neue Technologien, sondern Ästhetik, Wahrnehmung und Interpretation die entscheidenden Faktoren für eine Neubewertung des Mediums Fotografie sind.

In weiteren Vorträgen wie “Fotografie goes Fotodesign – Unterrichtspraktische Erfahrungen und Vorstellung von Schülerarbeiten aus der Medienausbildung” (1998), “Didaktische Konzepte für die Erwachsenenbildung – Zusammenspiel und Unterschiede zwischen Traditioneller Fotografie und Digitaler Bildbearbeitung” (2003) oder der Vorlesung “Visuelle Kommunikation” setzte ich mich mit den Bedingungen für das Chiffrieren und Dechiffrieren von Bildern auseinander.