Zunächst ist zu klären, was Kulturelle Bildung ist. Gemäß den Richtlinien des Bundesministeriums für Frauen und Jugend/Kinder und Jugendplan des Bundes vom 20.12. 93 wäre demnach folgende Definition gültig: Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinanderzusetzen. Sie soll das gestalterisch-ästhetische Handeln in den Bereichen Bildende Kunst, Film, Fotografie, Literatur , elektronische Medien, Musik, Rhythmik, Spiel, Tanz, Theater , Video u. a. fördern. Kulturelle Bildung soll die Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe soziale Zusammenhänge entwickeln, das Urteilsvermögen junger Menschen stärken und sie zur aktiven und verantwortlichen Mitgestaltung der Gesellschaft ermutigen.

Dieser Definition ist unbedingt zuzustimmen, beinhaltet sie doch das ganze Rüstzeug, um auf die bildungsrelevanten Herausforderungen des Medienzeitalters angemessen reagieren zu können. Allein ihre Interpretation resp. praktische Umsetzung legt ein Schatten auf den sonst so wohlgemeinten Ansatz, der – wie am Ende aufzuzeigen sein wird – im weiten Feld nebulöser Kulturseligkeit verschwinden wird. Bereits Pazzini – der dieser Definition explizit zustimmt – schränkt den theoretischen Bezugsrahmen für Kulturelle Bildung ein: “Kulturelle Bildung betont die Notwendigkeit des Bezugs von Bildung auf die unterschiedlichen Künste. Sie ist eine notwendige Ergänzung zu den technischen Veränderungen durch die neuen Medien. Ohne den Bezug zu den Künsten können die Chancen der neuen Medien nicht ausgeschöpft werden. Im Gegenteil, es besteht ohne einen solchen Bezug die Gefahr der Verdummung und eine schon deutlich wahrnehmbare Disqualifikation von Arbeitskräften……”

Interessant ist in diesem Zusammenhang der explizite Bezug der kulturellen Bildung zur Kunst auf der einen, und die Disqualifizierung ihres Gegenteils – “Verdummung” genannt – auf der anderen Seite. Dies ist für die Definition des Begriffs “Kultur” von weit reichender Bedeutung, und kann – wie wir später sehen werden – natürlich auch ganz anders gefasst werden.

Kulturelle Bildung eröffnet die Teilhabe an Werken der Kunst, an den in ihnen eingeschlossenen Forschungsergebnissen, Produktionsprozessen und Rezeptionsmöglichkeiten. Sie sensibilisiert für weit greifende Veränderungsprozesse eben durch die neuen Medien und macht Zusammenhänge anders als begrifflich deutlich. Kulturelle Bildung beinhaltet Möglichkeiten und Ressourcen, die in den Wissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften, der Mathematik und den technisch ausgerichteten Wissenschaften nicht oder nur untergründig zur Verfügung stehen.

Wir sehen hier , dass kulturelle Bildung den Wissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften, der Mathematik und den technisch ausgerichteten Wissenschaften nicht zugebilligt wird. Tauglich erscheinen allein die Verfahren der Kunst resp. der ihr zugrunde liegenden Wissenschaften wie z.B. die Kunstgeschichte, die Semiotik oder die Medientheorie. Dies steht in einem gewissen Gegensatz zu den Forderungen der PISA-Kommentatoren.

Die Veränderung und Innovation im Medienbereich hat erhebliche Veränderungen im institutionellen Gefüge der Bildung selbst zur Folge. Auch die kulturellen Formen ändern sich. Das hat Konsequenzen für die Veränderung von Wahrnehmung. Es gilt andere Wahrnehmungsmöglichkeiten zu entwickeln. Dies zu untersuchen und zu formulieren ist Gegenstand der unterschiedlichen Künste und kann in der meist pragmatischen Perspektive der anderen Wissenschaften nicht oder kaum formuliert werden.

Das bedeutet, dass sich im Prozess der Änderung der medialen Möglichkeiten auch das gesamte kulturelle Umfeld, die Art und Weise, wie Subjekte auf Objekte Bezug nehmen, zum Beispiel, wie wir privat und öffentlich wahrnehmen, radikal ändert. Diese Veränderungen müssten durch kulturelle Bildung erkannt und geformt werden. “Denn”, so Pazzini weiter , “von der Intensität und der Förderung der kulturellen Bildung hängt nicht zuletzt auch die Konkurrenzfähigkeit unserer Gesellschaft in ökonomischer Perspektive ab”.

Dieser Gedanke entspricht dem ökonomischen Interesse unseres derzeitigen Bundespräsidenten, der die Bedeutung der Bildung für den Fortbestand des gesellschaftlichen Wohlstands erkannt hat und nunmehr versucht, bei allen Beteiligten Begeisterung für die Bildung zu wecken. Horst Köhler: “Nur mit ständig erneuertem Wissen, das wir schnell in Entwicklung und Produktion umsetzen, werden wir uns in der Welt der Globalisierung behaupten. Wir müssen um so viel besser sein, wie wir teurer sind. Wir brauchen Lehrer, die darauf brennen, ihren Schülern etwas beizubringen – und Schüler , die sich begeistern lassen. Wir brauchen Eltern, die ihre Kinder zur Wissbegierde erziehen und auch einmal verstehen, wenn nach dem Experimentieren der Teppich ein Loch hat. Wir brauchen Ausbilder, die Freude daran wecken, ein Handwerk wirklich zu beherrschen. So kommen solides Wissen und kritisches Denken, Neugier und Experimentierfreude in die Welt.”

Aber wie motiviert man Hauptschullehrer, seine besten Schüler so fit zu machen, dass sie auf die Realschule kommen, weil sie dann ihre Leistungsträger los sind? Und der Gymnasiallehrer kann weiter nach der typisch deutschen Devise verfahren: Mein Unterricht ist gut, ich habe nur die falschen Schüler.

Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung “Pro Helvetia”, ergänzt diese Perspektive aus kulturpolitischer Sicht: “Draussen wartet das grosse Publikum. Die Politik, mit der Evaluation der Staatstätigkeit im weitesten Sinne befasst, konstatiert: Nur etwa 5% der Bevölkerung nutzen die kulturellen Angebote intensiv, 45% selten, 50% nie. Die eben publizierte Statistik zum Freizeitverhalten besagt, dass ein Drittel nie, die Hälfte nur sehr selten Theater , Oper oder Museen von innen sieht. Auch dem Kino geht’s mit 71% (Fast-) Abstinenten nicht besser (bezogen auf die Schweiz, Statistik von 2003).“

Knüsel reicht die von Pazzini geforderte Kulturelle Bildung nicht aus und fordert darüber hinaus “Kulturelle Intelligenz” ein: “Um kulturelle Intelligenz fördern zu können, benötigt Kulturpolitik erst mal einen andern Kunstbegriff. Nicht Kultur der wenigen für alle kann das Thema sein, sondern Kultur von allen für alle. Kulturpolitik muss mehr sein als Kunstpolitik; die Förderung des professionellen künstlerischen Schaffens kann nur ein Bruchstück sein daraus. Als zweites müssen wir uns entscheiden, welche Wirkungen wir mit Kulturförderung erreichen wollen. Wenn z.B. der ideale Citoyen kulturell gebildet ist, dann muss kulturelle Bildung einen Schlüsselplatz in den Lehrplänen aller Stufen einnehmen. Hier verzeichnen wir unter dem Druck von PISA und wirtschaftlichen Ansprüchen nur noch Rückschritte.”

Damit sind einige elementare Feststellungen getroffen, mit denen wir in die nächste Runde gehen und die Frage stellen können: was ist Kultur , was ist Kunst?

  1. PISA hat bewiesen, dass die deutschen Schüler besser geworden sind, allerdings nur in Mathe und in den Naturwissenschaften, bei den grundlegenden Fächern Lesen und Schreiben hat sich nichts getan.
  2. Forscher und Politiker sind sich einig, dass sich in der Bildung, im Schulsystem etwas ändern muss, über das Wie gehen die Meinungen allerdings weit auseinander.
  3. Bildung nach PISA führt nur zu einer Olympiade der Leistung, die sich auf die Kernfächer konzentriert. Sie schließt vor allem sozial Schwache aus und führt zur Ellenbogengesellschaft. Bildung darf nicht auf die Basisfächer beschränkt bleiben, sondern muss insbesondere im Zeitalter der Neuen Medien die “Kulturelle Bildung” berücksichtigen.
  4. Kulturelle Bildung benötigt den Bezug zu den Künsten.
  5. Weite Teile der Bevölkerung sind von kultureller Bildung ausgeschlossen, weil diese sich an der Kunst orientiert. Kulturelle Intelligenz wäre Kultur von allen für alle.