Wir Abnicker Buch Cover

„Wir Abnicker“ von Marco Bülow

Ich gebe zu, ich tat mich schwer mit der Rezension von Marco Bülows „Wir Abnicker“. Die Zeit war offensichtlich reif für einen „Insider Bericht“ und das Buch fand insbesondere im Netz eine recht beachtliche Resonanz. Mein durchweg positiver Eindruck im Vorfeld wurde beim Lesen des Buches zum größten Teil auch bestätigt, sogar einen relativ guten Schreibstil könnte man unserem Vorzeigeabgeordneten bescheinigen. Dennoch kann man meinen ersten Eindruck beim Lesen als verhalten und eher kritisch bezeichnen. Aus diesem Grund entschied ich mich wohl, den medialen Rummel um dieses Buch herum ausklingen zu lassen und mich etwas später damit zu befassen.

Eines vorab, man erfährt nicht viel Neues über Lobbyismus in diesem Buch, höchstens einige Details über die Funktionsmechanismen der Parteilandschaft und den Eifer, mit dem viele der gewählten Volksvertreter ihre Handlungsweise in Einklang mit der Macht des Geldes bringen. Die Qualität und die Wichtigkeit dieses Buches liegen weniger in den Inhalten als in der Person, die es schrieb. Einem Abgeordneten, der es „wagte“ darüber öffentlich zu sprechen, der zugibt, dass Lobbyismus auch seine Arbeit nachhaltig behindert und der die Gefahr läuft, von seinesgleichen geächtet zu werden. Zweifelsohne hat Marco Bülow allein dadurch, dass dieses Buch erschienen ist, eine Menge Mut und Charakterstärke bewiesen.

Man sollte die Gelegenheit nicht verpassen, dem Buch einen durchaus umfangreichen Informationsgehalt und verständliche Erzählweise zu Gute zu schreiben, was es dann auch für den, meist an der Politikverdrossenheit leidenden Durchschnittsbürger interessant macht. Insbesondere für Medienschaffende, angehende Journalisten und PR-Nachwuchs ist das Buch dringend zu empfehlen. Dazu ein Zitat:

„Außerdem werden zunehmend die Medien lobbyiert. Der ökonomische Druck, mit dem diese zu kämpfen haben, führt zu einem grandiosen Wettbewerb um Anzeige- und Werbekunden, die wirtschaftlich wesentlich wichtiger sind als die Zahl der Abonnenten. So bekommen potente Werbekunden natürlich großen Einfluss auf die Medien, den sie naturgemäß nutzen. Darunter leidet die Unabhängigkeit der Medien und auch der Journalisten.“

Bei allen Lobeshymnen hat Herr Bülow das Problem der SPD anzugehören. Wie kritisiert man also z.B. Auswirkungen von Globalisierung mit dem Wissen, dass es die Rot-Grüne-Regierung war, die den Hedgefonds die goldene Einladungskarte geschickt hat? Oder wie formuliert man seine Befürchtungen über den Zustand der eigenen Partei und deren Zukunft, ohne der SPD selbst weiteren Schaden zuzufügen?

Man führt die Beweise zusammen, schlussfolgert, ringt mit sich selbst und findet letztendlich eine Formulierung die zwar unmissverständlich ist, aber viel zu brav und in der Post-SM (Schröder/Müntefering)-Ära viel zu akademisch klingt, um gegen die einbetonierten Pfeiler der Berliner Politik-Manege eine durchschlagende Wirkung haben zu können.

„Bastapolitik, gespielte Allwissenheit, überzogene Versprechungen und Technokratisierung werden den Parteien nach und nach die Grundlage ihrer Existenz entziehen. (…) Leider ging viel Motivation und Einsatzwillen verloren, weil SPD-Anhänger und Mitglieder zu häufig autoritäre Strukturen und ein ebensolches Gebaren ihrer Führungen erduldeten.“

Damit schafft Bülow einen recht schwierigen Spagat zwischen notwendiger und berechtigter Kritik einerseits und Loyalität zu seiner Partei andererseits. Er bleibt immer braver Parteisoldat, bedacht, die letzte Schlussfolgerung nicht zu heftig klingeln zu lassen, immer Verständnis aufbringend für die eigene Zunft. Realitätsnähe und Erfahrung aus den Jahren des politischen Karussells eben. Und gleichzeitig Grund für meine Skepsis – ich hätte mir mehr gewünscht von Bülow. So wird aus dem „Aufruf zum Widerstand“ eine Wehklage, zwar fundiert, berechtigt, reich an Wahrheit und guten Vorsätzen, voll mit sinnvollen Vorschlägen und Lösungsansätzen – aber eine Wehklage. Und: zu leise vorgetragen wird sie – so fürchte ich –  auch schnell verklingen.