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	<title>Medienkompetenz im Netz &#187; Karl-Josef Pazzini</title>
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	<description>Blog für Medienkompetenz, Kommunikation und Medienkritik</description>
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		<title>PISA extended &#8211; über die Notwendigkeit kultureller Kompetenz Teil IV: Kunst und Kultur</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Mar 2009 23:04:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>P. Fischer-Piel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Für Mieke Bal (Gründungsdirektorin der Amsterdam School for Cultural Analysis) gehört zur Kultur schlicht “das Exponierte”, mithin alles, was Menschen als sinnhaft darbieten. Eine weitreichende Definition, die “Alltags- oder Stadtkultur” wie Design oder das Graffiti einschließt und zugleich auf die &#8230; <a href="http://medienkompetenz-blog.de/pisa-extended-uber-die-notwendigkeit-kultureller-kompetenz-teil-4-kunst-und-kultur/">Weiterlesen...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Für Mieke Bal (Gründungsdirektorin der Amsterdam School for Cultural  Analysis) gehört zur Kultur schlicht “das Exponierte”, mithin alles, was  Menschen als sinnhaft darbieten. Eine weitreichende Definition, die  “Alltags- oder Stadtkultur” wie Design oder das Graffiti einschließt und  zugleich auf die klassische resp. museal anerkannte Kunst hinlenkt. In  diesem Kulturbegriff gehört das Kulturelle nicht mehr zum Objekt wie  etwa der Finger zu seinem Abdruck (André Bazin zur Ontologie des  fotografischen Bildes). Vielmehr entsteht Kultur in der Spannung  zwischen Macher , Werk und Betrachter: was passiert, wenn wir etwa  durchs Museum gehen, was geschieht, wenn wir lesen oder ein Bild  betrachten? Denn wie das Verstehen selbst als produktiver Akt das  Kunstwerk erst in uns hervorbringt, redet das Werk zu uns &#8211; wenn wir es  lassen &#8211; und beeinflusst unsere Sicht der Dinge. Kultur , das ist für  Mielke Bal genau dieses Geschehen (aus: Mieke Bal: Kulturanalyse,  Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2002, Zusammenfassung aus Zeit 26/2003).<span id="more-343"></span></p>
<p>Das entspricht etwa dem aus der Semiotik bekannten Modell  “Sender-Werk-Empfänger” und  setzt voraus, dass beim Empfänger die Bereitschaft resp. Sensibilität  zur “kulturellen Annäherung resp. Auseinandersetzung” vorhanden ist.  Trotz der Bezugnahme auf die “Alltagskunst” ist bei Bal eine gewisse  Sympathie für die “hohe Kunst” (die Sinnhaftigkeit, das Lesen und  Betrachten, der Werkbegriff) nicht zu übersehen. Kultur &#8211; eine  individuelle Lebenstechnik also und damit ein Luxusgut?</p>
<p>Pazzini  grenzt den Begriff der Kultur vom “Luxus” ab und greift einen  Zusammenhang auf, der uns auch noch später begegnen wird: “Man könnte meinen, es gehe bei kultureller  Bildung um eine luxurierende Zutat. Dem ist nicht so. Kunst entsteht  nicht erst im Überfluss, sondern ist Luxus aus der Not heraus, um diese  Not zu wenden, bzw. Not nicht entstehen zu lassen”.  Konsequenterweise bezieht Pazzini den Kulturbegriff in diesem  Zusammenhang &#8211; wie schon eingangs angedeutet &#8211; eindeutig auf die Künste.  Das romantische Künstler(selbst)bild, aus der Not oder wenigstens aus  Notwendigkeit zu produzieren (Hölderlin im Turm etwa), das seine  Herkunft vom Geist der Romantik und des Bürgertums nicht verhehlen kann,  wird hier reaktiviert: “Unter  „kulturell“ sollen hier Prozesse verstanden werden, die sich in Werken  niederschlagen, die angeregt sind durch Prozesse und Werke aus den  unterschiedlichen Künsten: Musik, Bildende Kunst, Tanz, Theater ,  Literatur &#8230;”. &#8211; Wir finden also auch bei Pazzini das  Eingebettetsein der Kultur in die “hohe” Kunst. Wenn also in seiner  Expertise von “Kultureller Bildung” die Rede ist, so wäre dies demnach  als “Ästhetische Bildung” im Schillerschen Verständnis zu lesen.</p>
<p>Mit  einem so benutzten Kulturbegriff kehren wir wieder an den Ausgang jener  bürgerlich de- terminierten Epoche zurück, welche mit Kultur alle Wunden dieser Welt  glaubte heilen zu können. Seit dem 18. Jahrhundert ist die bürgerliche  Kultur mit einem umfassenden, universalen Anspruch aufgetreten. Ihre  Werte wie Leistung und Disziplin, Bildung und Benehmen, Höflichkeit und  Toleranz sollten den Maßstab für Glück und gelungenes Zusammenleben quer  durch die ganze Gesellschaft bilden. Die industrielle Arbeiterschaft  machte sich das bürgerliche Werte-, Verhaltens- und Kulturmodell seit  der Mitte des 19. Jahrhunderts als Leitbild zu Eigen und propagierte es  in ihrer eigenen Avantgarde, der sozialdemokratischen und  gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung. Auf historisch beispiellose Weise  partizipierten untere Schichten an der Demokratie des 20. Jahrhunderts  und ließen dadurch die Vision einer universellen bürgerlichen  Gesellschaft greifbar nahe erscheinen.</p>
<p>Seit den 60er und 70er  Jahren ist das Leitbild der Verbürgerlichung in den unteren Schichten  immer stärker zerbröckelt. Nicht zuletzt deshalb, weil das bürgerliche  Kulturmodell in den bürgerlichen Schichten selbst an Überzeugungskraft  einbüßte. Zugleich löste sich die alte Klassengesellschaft auf, die eng  an die jeweilige Arbeit des Menschen gekoppelt war . Damit war auch die  Auflösung der kulturellen Identität verbunden. Thomas E. Schmidt setzt  im Kern bei dem romantisch-bürgerlichen Künstlerbild an, zieht aber eine  gänzlich andere Schlussfolgerung wie Pazzini, weil dieses Bild für die  heutige Zeit nicht mehr passt. Sein pessimistisches Fazit ist für  jedwelchen Ansatz zur Etablierung “Kultureller Bildung” partout nicht  geeignet: “Die Wahrheit ist: Kunst und Kultur sind zwei vollkommen  unterschiedliche Formen des Lebens. Kultur ist für sich auch wichtig,  aber sie ist weiß Gott nicht die Schiene, auf der die Kunst in die  Gesellschaft flutscht und mit ihr der vermisste Sinn des Ganzen.  Außerdem ist Kunst etwas, das nur selten vorkommt, viel seltener, als  die meisten  vermuten. Und sie macht das Leben auch nicht leichter für den, der sich  auf sie einlässt, sondern eher schwieriger. sie verkompliziert das  Dasein. Auf schmerzliche Weise konfrontiert sie mit den Gebresten (den  Nöten, der Verf.) des eigenen Ich. Sie sorgt nicht für soziale  Gleichheit und stiftet keine Gemeinschaften im Zeichen irgendeines  weltanschaulichen Konsenses.”</p>
<p>Genau das aber &#8211; soziale  Gleichheit, Gemeinschaft, weltanschaulicher Konsens und Toleranz &#8211; sind  die Ziele, die sich mit kultureller Bildung &#8211; gleichsam als Nebenprodukt  von Pisa &#8211; verbinden. Wie nun soll diese eingelöst werden, wenn Kunst  offensichtlich ein höchst subjektives, und dazu noch schmerzhaftes Tun  ist (sowohl für den Sender als auch den Empfänger)? Der ausschließliche  Bezug auf die Künste scheint hierbei wenig tauglich zu sein, und dennoch  schrauben sich die Ansprüche, die von der Kultur an die Kunst gerichtet  werden, immer höher: Kunst soll den Stress der modernen Gesellschaften  lindern, sie soll Sinn stiften, möglichst normative Eindeutigkeit  herstellen und zuletzt auch noch die Kinder zu Friedensengeln erziehen.</p>
<p>Pius  Knüsel gibt diesem Anspruch den letzten Rest und fordert zugleich die  Kenntnisnahme der Kultur von allen für Alle, im Ergebnis also die  Akzeptanz der “niedrigen” Künste, der vermeintlichen “Verdummung”:  Kulturbetriebe, öffentlich oder privat, müssten sich wie  Unterhaltungsbetriebe gebärden, brauchten Events und Skandale und  müssten sich nach dem Publikum strecken. Als Selbstverteidigung betreibe  das kulturelle Establishment eine noch schärfere Trennung von Kunst und  Unterhaltung, von Geist und Kommerz. Kulturpolitik, auf Breite  angelegt, verenge sich auf die Förderung der Künstler , auf Seinshilfe  für das Schwierige und Unverstandene. Der Innovation verschrieben,  schließe sie weite Bereiche von der Kunst aus, indem sie das in den 70er  Jahren so beklagte Gefälle zwischen hoher und niedriger Kunst bestärke.  Knüsel: “Sie intellektualisiert den Kunstgenuss, indem sie Kunst zu  einer von der Bildung abhängigen Verstehensleistung emporhebt und  Emotionalität als Anzeichen von Kitsch deutet; sie rehabilitiert die  Elite und verteufelt den Erfolg, sie negiert die Tradition als ordnende  Kraft und verachtet das Populäre&#8230;&#8230;.Die Entwicklung hat, und hier  liegt die eigentliche Tragik, zu einer fundamentalen Umdeutung des  Kunstbegriffs geführt: Kunst kann nur dort sein, wo auch Subvention ist.  Alles andere ist Kommerz, Folklorismus oder Entertainment”.</p>
<p>Auf  der einen Seite also sehen wir kulturelle Bildung im Klammergriff der  hohen Kunst und des kulturellen Establishments (das nicht mehr  ausschließlich aus dem ehemaligen Bildungsbürgertum besteht, sondern  vielmehr durch den neuen “Geldadel” aus Wirtschaft, Politik und  Showbusiness repräsentiert wird), auf der anderen Seite steht die  triviale Pop-, Design- und Kitschkultur , die mit kultureller Bildung  offensichtlich nicht das Geringste zu tun hat (aber mit der der moderne  Kulturrepräsentant häufig seine Brötchen verdient).</p>
<p>In enger  Beziehung zum subkulturellen Charakter dieser Trivialkultur steht das  PISA-Ergebnis, dass rund 1/4 der deutschen Schüler die  Basis-Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht beherrschen und nicht in  der Lage sind, eine Bewerbung selbst zu schreiben. Dass dieses Defizit  vor allem auch an sozialer Ungerechtigkeit liegt, wurde mit PISA  gezeigt, über die Herkunft dieses Viertels darf spekuliert werden, die  Richtung liegt jedoch nahe: unten. Womit wir wieder bei der Verbindung  zwischen Kultur und Not wären, und damit ein Erklärungsmuster für den  Siegeszug der Medien hätten.Tatsächlich stehen Kultur und Not in einem  engen Zusammenhang: Nach Adolf Muschg haben-Menschen höheren Aufwand  treiben gelernt, um sich gröberen vom Hals zu halten. Der Sammelbegriff  für diese Aktivität sei &#8216;Kultur’ , die sich nicht in bloßer Ökonomie  erschöpfe. Kultur in vollem Wortsinn gebe es nicht ohne Überfluss und  fange vielleicht erst da richtig an, wo dieser Überfluss nötig,  notwendig, lebenswichtig gefunden wird.</p>
<p>Der Bedeutungsverlust der  Arbeit (nicht nur in Form von Arbeitslosigkeit oder  Wochenstunden-Quantität, sondern in der verbreiteten gesellschaftlichen  Minderschätzung als Job) haben ebenfalls dazu beigetragen, dass  persönliche Identität und soziale Zugehörigkeit in wachsendem Maße  kulturell statt sozialökonomisch definiert werden. Deshalb ist die neue  Massenkultur zugleich zu einer Klassenkultur der neuen Unterschichten &#8211;  Sub-Kultur oder Sub-Proletariat genannt &#8211; geworden.</p>
<p>Das  Freizeitverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen war in den  letzten Jahren  tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt. Zentral ist dabei vor allem die  wachsende Bedeutung der Medien für die Gestaltung der Freizeit. Die  neuen Unterschichten werden fast ausschließlich von den Medien gespeist  und bedient. Ob Fast Food oder Pay-TV, Nike oder H&amp;M, Rapper 50 Cent  oder auch Sir Simon Rattle: alles ist Kultur , und mit Kultur lässt  sich alles verkaufen und verramschen.</p>
<p>In diesem Kontext stehen  auch die Segnungen der Markenmultis und des Designs, hier vor allem des  industriell gefertigten Designs, das eigentlich in der Lage sein sollte,  die Gegenstände des täglichen Gebrauchs kulturell zu “erhöhen” und  damit die Partizipation aller Bevölkerungsschichten an der Kultur zu  ermöglichen (wie z. B. noch das Bauhaus in den 20er Jahren). Nicht von  ungefähr ist heute alles Design, was in irgendeiner Weise gefertigt  wird, ob Hair-Design,  Schmuck- oder Fingernagel-Design, Grafik- oder  Foto-Design, Möbel- oder Mode-Design, vom Food-Design ganz zu schweigen.  Und ebenso wenig ist es Zufall, dass sich vor allem Jugendliche über  Marken definieren und artikulieren, ja ihre ganze Identität aus der  Markenkultur beziehen. Während die einen also eine neue “Leitkultur”  einfordern und ihre ästhetischen Gärten sorgsam pflegen (das ist die  eingangs erwähnte “Kulturseligkeit” des Establishments), reklamieren  andere gerade die Ausdehnung des Kulturbegriffs auf die Massen.</p>
<p>Dazu  schreibt Paul Nolte in der Leitkultur-Position: “Wir stehen vor einem  Neubeginn, einem  Paradigmenwechsel im politischen Umgang mit den Unterschichten. Wir sind  zu lange einem  Konzept gefolgt, das man als fürsorgliche Vernachlässigung bezeichnen  könnte. Einer vergleichsweise hohen materiellen Fürsorge der  Unterschicht steht eine Vernachlässigung in sozialer und kultureller  Hinsicht gegenüber. Das Ziel muss es wieder sein, Kulturen der Armut und  der Abhängigkeit, des Bildungsmangels und der Unselbstständigkeit nicht  sich selbst zu überlassen, sondern sich einzumischen, sie  herauszufordern und aufzubrechen. Es geht um Integration in die  Mehrheitsgesellschaft, aber auch &#8211; für viele ein heikleres Thema &#8211; um  die Vermittlung kultureller Standards und Leitbilder &#8230; Die  Bildungspolitik ist wahrscheinlich das wichtigste Feld, auf dem ein  gewisser Integrationszwang ausgeübt werden muss &#8211; siehe die Debatte um  deutsche Sprachkompetenz und rechtzeitige Sprachförderung”.</p>
<p>So  sei Literatur nicht nur Goethe, Mozart auf seine Weise auch Pop. Und  doch könnten wir der Frage nach der Bewertung und Rangordnung von Kultur  nicht ausweichen. Lesen sei tatsächlich besser als Fernsehen oder  Gameboy, und die Lektüre eines guten Romans oder Sachbuchs wiederum  besser als die von Trivialliteratur oder der allgegenwärtigen Ratgeber .  Besser habe dabei nichts mit Bildungsdünkel zu tun, sondern lasse sich  konkret übersetzen in: Kreativität fördernd, soziale Kompetenzen  stärkend, individuelle Chancen eröffnend”. Es überrascht nicht, wenn  Nolte am Ende feststellt: “Es ist kein Zufall, dass dieser kulturelle  Katalog eine bürgerliche Herkunft und auch weiterhin ein bürgerliches  Gepräge besitzt.” (Paul Nolte, Zeit 52/2003)</p>
<p>Gegen dieses  “bürgerliche Gepräge” der Kultur argumentiert Pius Knüsel, indem er  fordert,  dass kulturelle Intelligenz erst dann möglich wird, wenn der Großteil  der Bevölkerung von der Kultur eben nicht ausgeschlossen wird, wenn  begriffen wird, dass Kultur zum Großteil vor , und nicht hinter den  Museumstüren stattfindet: “In der Club-Music, am Computer , in den  Weblogs, den Online-Games, den Jugendhäusern und den Amateurtheatern und  Freizeitorchestern und  den TV-Serien manifestiert sich Kultur genauso wie im experimentellen  Video; ihre scheinbare Einfachheit behindert ihre Aussagekraft nicht, im  Gegenteil. &#8230;&#8230; Dabei ist klar , dass Computerspiele eine prägende  Kulturform der Gegenwart sind. Dass jeder dritte Jugendliche sich  intensiv damit beschäftigt. Und dass Games ganz wichtige  Projektionsflächen sind für Verhaltensmodelle. Dass sie die Wahrnehmung  prägen und ästhetische Muster liefern, die zunehmend unsern Alltag  prägen&#8230;&#8230;.. Also muss eine zukunftsorientierte Kulturpolitik sich  damit auseinander setzen. Sie muss sich nicht der Durchsetzung von  kulturellen Standards – die immer einem zufälligen Kanon entsprechen –  widmen, sondern der Hebung der Intelligenz”.</p>
<p>Zwischen der  Leitkultur einer bürgerlich kanonisierten Gesellschaft und den  subkulturellen Lebensformen einer zunehmend durch Massenmedien geprägten  Jugend liegen Welten. Dem Integrationsmodell durch Leitbilder wie  Leistung, Höflichkeit und Toleranz steht die Integration durch  intelligente Einbeziehung aller Spielarten &#8211; und damit aller Mitglieder  der Gesellschaft &#8211; entgegen. &#8211; Sicher ist, dass die bürgerlich geprägte  Mittel- und Oberschicht eine moralisch-soziale Verantwortung für  Randgruppen aufbringt, ja aufbringen muss. Wie aber schafft man es,  “Rappern” oder “Gamern”die Schönheit einer Klaviersonate von Schumann  beizubringen? In diesen offenbar unversöhnlichen Positionen spiegelt  sich das ganze Dilemma der skizzierten Kulturdiskussion wider: “Geiz ist  geil” lässt sich eben nicht mit den Wertmaßstäben einer bürgerlich  geprägten Kultur verschmelzen, das eine ist Ware, das andere Kunst. Mit  anderen Worten: es geht hier um den alten Kampf des Guten gegen das  Böse.</p>
<p>So einfach ist es indes nicht, denn der Übergang von der  traditionell-bürgerlichen zur modernen multikulturellen Gesellschaft  lässt zwar viel Raum für solchermaßen polarisierende Planspiele, hat  aber keinen Platz für die wichtigste Voraussetzung von Kultur , nämlich  die Identität. Übrig bleibt nur noch ein leerer Rahmen für kurze und  laute Identifizierungen, die so schnell wechseln wie die Marken in den  Medien.</p>
<p>In einem bemerkenswerten Essay zu Kafka und Moderne  schreibt Zafer Senocak: “In der modernen Welt denkt man nicht mehr , um  dazuzugehören, sondern um sich abzusondern. Gemeinschaft ist nur  möglich, wenn Denken ersetzt wird von einer Chiffrierung des Geistes, in  der das Formelhafte das Prozesshafte ablöst, nicht hinterfragbare  Symbole allgewaltig Macht ausüben und die innere Struktur des Ich von  außen nicht mehr erreichbar ist&#8230;.. Es ist der Grundzustand der  modernen menschlichen Seele, die in einem immer leistungsfähigeren  Kör-per ein Exilantendasein führt.” (TAZ vom 25.1.2004)</p>
<p>Denken  wir an die zu einem einzigen Werbeträger umfunktionierte moderne  Gesellschaft und die durch Marken identifizierte Jugend, wird die  kulturelle Bedeutung des Symbols &#8211; des Logos, des Markenzeichens &#8211;  offensichtlich. Lassen wir andererseits die schmerzhafte Erkenntnis zu,  dass sich die uns vertrauten Strukturen in allen Bereichen des Lebens in  Auflösung befinden, uns der historische Boden unter den Füßen  weggerissen und die Tradition kein Garant für Kultur und Bildung mehr  ist, entschwindet das Fundament für Identität. “Wenn die Sprache ihre  Deutungshoheit über die Zeichen verliert”, schreibt Zafer Senocak weiter  , “zieht sich die Überlieferung der Tradition auf Symbole zurück”. Die  einzige Funktion des Symbols ist die einer Markierung, indem es die  gesetzte, vorgeschriebene Identität markiert. Durch den Verlust der  Tradition und deren einstige Gesetze entstehen Angst und  Orientierungslosigkeit, die wiederum durch schnelllebige  Marken-Identifikationen und flüchtige Reize sublimiert werden. 1970  verkleideten sich Terroristen als Spießer , um nicht aufzufallen. Heute  werden Models als Terroristen verkleidet, um aufzufallen. Mittlerweile  ist auch die RAF zu einem Pop-Phänomen geworden. In dem Film “Baader”  erscheint Baader als cooler Dandy, posieren Models als Terroristen. Da  liegt dann der tote Schleyer im Kofferraum, daneben stehen zwei Models,  Andreas und Gudrun, und im Text heißt es: “Andreas trägt Sandalen von  Woolworth&#8230;..”</p>
<p>In der noch immer zunehmenden und kaum noch zu  entkommenden Überflutung durch Medien, Waren und Werbung gewinnen alte  Werte allerdings neue Bedeutung. Die Religion ist wieder ein ernst zu  nehmender Zufluchtsort, aber auch die Kunst, und damit einhergehend die  Tradition und Identität. So groß ist das Unbehagen an der Welt, dass der  Verfall der Moral, die Zerstörung der Welt durch die Globalisierung,  die Verschmutzung der Städte und des Geistes durch Werbung, die  Auswüchse der Wissenschaft, die Verblödung der Massen, kurz: die alles  umfassende Sinnentleerung anscheinend nur noch durch eine Rhetorik des  Hochheiligen oder des Letztgültigen im Zaum gehalten werden kann.</p>
<p>Ob  Pabst-krankheit, Pabst-tod, Pabst-wahl, Pabst-krönung, Pabst-andachten  bei kirchlichen Massenveranstaltungen, oder die langen Schlangen vor den  Museumstüren bei den großen  Werken der Kunst: hier bahnt sich ein Paradigmenwechsel an, eine neue  Sinnsuche. Inmitten dieses gleitenden Übergangs markiert die Kunst eine  Grenze. Sie ist weltlich, aber es umgibt sie mehr denn je eine Aura die  Gegenwart überschreitender, transzendenter Wahrheit. Noch immer bildet  sie den geistigen Mittelpunkt des geltenden Kulturbegriffs: Ars longa,  vita brevis, die Kunst währt lange, das Leben kurz.</p>
<p>Die Realität  zeitgenössischer Kunst aber heißt nicht “große Kunst”, sondern Anpassung  an den großen, satt machenden Kulturbetrieb. Milliarden fließen  jährlich in ihn hinein &#8211; und für viele wieder heraus. Für seine  Protagonisten lautet die Devise daher, dem Publikum gefallen statt es  aufzuklären, die Schönheit inszenieren statt politischer Information,  Service und Kundenfreundlichkeit statt Reflexion. Nie zuvor hatten so  viele Menschen Gelegenheit, Kunst wahrzunehmen und Kunst zu erleben; auf  der Produktionsseite als Künstler zu leben mit der einzigartigen  Chance, über die Medien ein tausendfaches Publikum zu erreichen.</p>
<p>Die  Kunst ist zweckfrei, ihre Freiheit durch das Grundgesetz geschützt.  Theoretisch müssten  wir in einem goldenen Zeitalter leben, aber der überwiegende Anteil an  der zeitgenössischen  Kunst ist nichts anderes als &#8211; Kunstgewerbe oder schlichtweg Schrott. Es  wird hergestellt und produziert, was das Zeug hält &#8211; um den Markt der  Bücher, Kunsthandlungen und Galerien zu bedienen, oder auch nur, um den  Kulturbetrieb in seiner jetzigen Form am Leben zu erhalten. Ganz nach  dem Motto: Kultur ist affirmativ, die Kunst provokativ. Künstlerische  Provokationen und ästhetische Kontroversen sind daher nötig, aber bloß,  um die Diskussion in Schwung zu halten.  “Das Traurigste ist” sagt Franziska Augstein, Tochter des  Spiegel-Gründers, “dass man keinen Ärger mehr riskieren will.”</p>
<blockquote><p>Jörn  Vanhöfen, Leiter und Dozent der Schule “Fotografie am Schiffbauerdamm”  in Berlin, bemerkt hierzu speziell für den Bereich der Fotografie: “Neben den  äußerlichen Merkmalen hat  sich die inhaltliche Bedürfnislage der Fotografen verändert. Waren in  den 80er Jahren wesentliche Merkmale der fotografischen  Hochschulausbildung auf Autorenschaft sowie soziale und  gesellschaftliche Verortung gelegt, vertraut man heute fast  ausschließlich den eigenen gestalterischen und ästhetischen  Möglichkeiten im Sinne der Anpassung an Moden und Märkte” (Photo-News  12/2005).</p></blockquote>
<p>Darin scheint die kulturelle Funktion des Ästhetischen  zu liegen: Solange Kultur funktioniert als öffentlich sichtbare  Bestätigung, dass überhaupt noch irgendein Sinn produziert wird, dass  die Gesellschaft munter weiter plaudert und kein Blut fließt, sind auch  Politik und Wirtschaft beruhigt: So schlimm kann’s doch gar nicht sein. &#8211;  Kulturelle Kompetenz freilich wird dadurch nicht erzeugt!</p>
<blockquote><p>“Wir stehen an einem Wendepunkt”,  fasst Pius Knüsel zusammen. “Unsere  Kulturpolitik erreicht weite Teile der Gesellschaft nicht. Das gewaltig gewachsene  Angebot hat aber auch den Status des Kunstwerks wie seines Erschaffers  verändert. Letzterer ist nicht mehr der Empfänger heiliger Inspiration  mit direktem Draht zu Gott und zum Konto seines Mäzens. Er ist,  gefördert oder nicht, Anbieter eines Produkts. Genauso die  Institutionen. Alle stehen in Konkurrenz zu allen. Daraus erwächst eine  Vielfalt von Konzepten und Ansätzen, in der die Maßstäbe sich auflösen.  Alles, fast alles kann heute Kunst sein, je nach Standpunkt des  Betrachters.”</p></blockquote>
<p>Das verwirrt in der Tat!</p>
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		<title>PISA extended &#8211; über die Notwendigkeit kultureller Kompetenz Teil III: Warum kulturelle Bildung im Medienzeitalter?</title>
		<link>http://medienkompetenz-blog.de/pisa-extended-ueber-die-notwendigkeit-kultureller-kompetenz-teil-3-warum-kulturelle-bildung-im-medienzeitalter/</link>
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		<pubDate>Sun, 15 Mar 2009 23:43:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>P. Fischer-Piel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medienkompetenz]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Karl-Josef Pazzini]]></category>
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		<description><![CDATA[Zunächst ist zu klären, was Kulturelle Bildung ist. Gemäß den Richtlinien des Bundesministeriums für Frauen und Jugend/Kinder und Jugendplan des Bundes vom 20.12. 93 wäre demnach folgende Definition gültig: Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur &#8230; <a href="http://medienkompetenz-blog.de/pisa-extended-ueber-die-notwendigkeit-kultureller-kompetenz-teil-3-warum-kulturelle-bildung-im-medienzeitalter/">Weiterlesen...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zunächst ist zu klären, was Kulturelle Bildung ist. Gemäß den  Richtlinien des Bundesministeriums für Frauen und Jugend/Kinder und  Jugendplan des Bundes vom 20.12. 93 wäre demnach folgende Definition  gültig: Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich  mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinanderzusetzen. Sie soll  das gestalterisch-ästhetische Handeln in den Bereichen Bildende Kunst,  Film, Fotografie, Literatur , elektronische Medien, Musik, Rhythmik,  Spiel, Tanz, Theater , Video u. a. fördern. Kulturelle Bildung soll die  Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe soziale Zusammenhänge entwickeln, das  Urteilsvermögen junger Menschen stärken und sie zur aktiven und  verantwortlichen Mitgestaltung der Gesellschaft ermutigen.<span id="more-310"></span></p>
<p>Dieser Definition ist unbedingt zuzustimmen, beinhaltet sie doch das  ganze Rüstzeug, um auf die bildungsrelevanten Herausforderungen des  Medienzeitalters angemessen reagieren zu können. Allein ihre  Interpretation resp. praktische Umsetzung legt ein Schatten auf den  sonst so wohlgemeinten Ansatz, der &#8211; wie am Ende aufzuzeigen sein wird &#8211;  im weiten Feld nebulöser Kulturseligkeit verschwinden wird. Bereits  Pazzini &#8211; der dieser Definition explizit zustimmt &#8211; schränkt den  theoretischen Bezugsrahmen für Kulturelle Bildung ein: “Kulturelle Bildung betont die Notwendigkeit  des Bezugs von Bildung auf die unterschiedlichen Künste. Sie ist eine  notwendige Ergänzung zu den technischen Veränderungen durch die neuen  Medien. Ohne den Bezug zu den Künsten können die Chancen der neuen  Medien nicht ausgeschöpft werden. Im Gegenteil, es besteht ohne einen  solchen Bezug die Gefahr der Verdummung und eine schon deutlich  wahrnehmbare Disqualifikation von Arbeitskräften&#8230;&#8230;”</p>
<p>Interessant  ist in diesem Zusammenhang der explizite Bezug der kulturellen Bildung  zur Kunst auf der einen, und die Disqualifizierung ihres Gegenteils &#8211;  “Verdummung” genannt &#8211; auf der anderen Seite. Dies ist für die  Definition des Begriffs “Kultur” von weit reichender Bedeutung, und kann  &#8211; wie wir später sehen werden &#8211; natürlich auch ganz anders gefasst  werden.</p>
<p>Kulturelle Bildung eröffnet die Teilhabe an Werken der  Kunst, an den in ihnen eingeschlossenen Forschungsergebnissen,  Produktionsprozessen und Rezeptionsmöglichkeiten. Sie sensibilisiert für  weit greifende Veränderungsprozesse eben durch die neuen Medien und  macht Zusammenhänge anders als begrifflich deutlich. Kulturelle Bildung  beinhaltet Möglichkeiten und Ressourcen, die in den Wissenschaften,  insbesondere den Naturwissenschaften, der Mathematik und den technisch  ausgerichteten Wissenschaften nicht oder nur untergründig zur Verfügung  stehen.</p>
<p>Wir sehen hier , dass kulturelle Bildung den  Wissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften, der Mathematik und  den technisch ausgerichteten Wissenschaften nicht zugebilligt wird.  Tauglich erscheinen allein die Verfahren der Kunst resp. der ihr  zugrunde liegenden Wissenschaften wie z.B. die Kunstgeschichte, die  Semiotik oder die Medientheorie. Dies steht in einem gewissen Gegensatz  zu den Forderungen der PISA-Kommentatoren.</p>
<p>Die Veränderung und  Innovation im Medienbereich hat erhebliche Veränderungen im  institutionellen Gefüge der Bildung selbst zur Folge. Auch die  kulturellen Formen ändern sich. Das hat Konsequenzen für die Veränderung  von Wahrnehmung. Es gilt andere Wahrnehmungsmöglichkeiten zu  entwickeln. Dies zu untersuchen und zu formulieren ist Gegenstand der  unterschiedlichen Künste und kann in der meist pragmatischen Perspektive  der anderen Wissenschaften nicht oder kaum formuliert werden.</p>
<p>Das  bedeutet, dass sich im Prozess der Änderung der medialen Möglichkeiten  auch das gesamte kulturelle Umfeld, die Art und Weise, wie Subjekte auf  Objekte Bezug nehmen, zum Beispiel, wie wir privat und öffentlich  wahrnehmen, radikal ändert. Diese Veränderungen müssten durch kulturelle  Bildung erkannt und geformt werden. “Denn”,  so Pazzini weiter , “von der  Intensität und der Förderung der kulturellen Bildung hängt nicht zuletzt  auch die Konkurrenzfähigkeit unserer Gesellschaft in ökonomischer  Perspektive ab”.</p>
<blockquote><p>Dieser Gedanke entspricht dem  ökonomischen Interesse unseres derzeitigen Bundespräsidenten, der die  Bedeutung der Bildung für den Fortbestand des gesellschaftlichen  Wohlstands erkannt hat und nunmehr versucht, bei allen Beteiligten  Begeisterung für die Bildung zu wecken. Horst Köhler: “Nur mit ständig erneuertem Wissen, das wir  schnell in Entwicklung und Produktion umsetzen, werden wir uns in der  Welt der Globalisierung behaupten. Wir müssen um so viel besser sein,  wie wir teurer sind. Wir brauchen Lehrer, die darauf brennen, ihren  Schülern etwas beizubringen &#8211; und Schüler , die sich begeistern lassen.  Wir brauchen Eltern, die ihre Kinder zur Wissbegierde erziehen und auch  einmal verstehen, wenn nach dem Experimentieren der Teppich ein Loch  hat. Wir brauchen Ausbilder, die Freude daran wecken, ein Handwerk  wirklich zu beherrschen. So kommen solides Wissen und kritisches Denken,  Neugier und Experimentierfreude in die Welt.”</p></blockquote>
<p>Aber wie  motiviert man Hauptschullehrer, seine besten Schüler so fit zu machen,  dass sie auf die Realschule kommen, weil sie dann ihre Leistungsträger  los sind? Und der Gymnasiallehrer kann weiter nach der typisch deutschen  Devise verfahren: Mein Unterricht ist gut, ich habe nur die falschen  Schüler.</p>
<p>Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung “Pro  Helvetia”, ergänzt diese Perspektive aus kulturpolitischer Sicht: “Draussen wartet das grosse Publikum. Die  Politik, mit der Evaluation der Staatstätigkeit im weitesten Sinne  befasst, konstatiert: Nur etwa 5% der Bevölkerung nutzen die kulturellen  Angebote intensiv, 45% selten, 50% nie. Die eben publizierte Statistik  zum Freizeitverhalten besagt, dass ein Drittel nie, die Hälfte nur sehr  selten Theater , Oper oder Museen von innen sieht. Auch dem Kino geht’s  mit 71% (Fast-) Abstinenten nicht besser (bezogen auf die Schweiz,  Statistik von 2003).&#8221;</p>
<p>Knüsel reicht die von Pazzini  geforderte Kulturelle Bildung nicht aus und fordert darüber hinaus  “Kulturelle Intelligenz” ein: “Um  kulturelle Intelligenz fördern zu können, benötigt Kulturpolitik erst  mal einen andern Kunstbegriff. Nicht Kultur der wenigen für alle kann  das Thema sein, sondern Kultur von allen für alle. Kulturpolitik muss  mehr sein als Kunstpolitik; die Förderung des professionellen  künstlerischen Schaffens kann nur ein Bruchstück sein daraus. Als  zweites müssen wir uns entscheiden, welche Wirkungen wir mit  Kulturförderung erreichen wollen. Wenn z.B. der ideale Citoyen kulturell  gebildet ist, dann muss kulturelle Bildung einen Schlüsselplatz in den  Lehrplänen aller Stufen einnehmen. Hier verzeichnen wir unter dem Druck  von PISA und wirtschaftlichen Ansprüchen nur noch Rückschritte.”</p>
<p>Damit  sind einige elementare Feststellungen getroffen, mit denen wir in die  nächste Runde gehen und die Frage stellen können: was ist Kultur , was  ist Kunst?</p>
<ol>
<li>PISA hat bewiesen, dass die deutschen Schüler besser geworden  sind, allerdings nur in Mathe und in den Naturwissenschaften, bei den  grundlegenden Fächern Lesen und Schreiben hat sich nichts getan.</li>
<li>Forscher und Politiker sind sich einig, dass sich in der Bildung,  im Schulsystem etwas ändern muss, über das Wie gehen die Meinungen  allerdings weit auseinander.</li>
<li>Bildung nach PISA führt nur zu einer Olympiade der Leistung, die  sich auf die Kernfächer  konzentriert. Sie schließt vor allem sozial Schwache aus und führt zur  Ellenbogengesellschaft. Bildung darf nicht auf die Basisfächer  beschränkt bleiben, sondern muss insbesondere im Zeitalter der Neuen  Medien die “Kulturelle Bildung” berücksichtigen.</li>
<li>Kulturelle Bildung benötigt den Bezug zu den Künsten.</li>
<li>Weite Teile der Bevölkerung sind von kultureller Bildung  ausgeschlossen, weil diese sich an der Kunst orientiert. Kulturelle  Intelligenz wäre Kultur von allen für alle.</li>
</ol>
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		<title>PISA extended &#8211; über die Notwendigkeit kultureller Kompetenz Teil II</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Mar 2009 22:41:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>P. Fischer-Piel</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Karl-Josef Pazzini]]></category>
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		<description><![CDATA[Was ist PISA? Pisa untersucht unter anderem die Lesekompetenz, die mathematische und die naturwissenschaftliche Grundbildung von 15−jährigen Schülern. Bei der Pisa−Erhebung 2003 stand die Mathematik im Mittelpunkt, bei der vorangegangenen Untersuchung im Jahr 2000 war es das Lesen. Zusätzlich wurde &#8230; <a href="http://medienkompetenz-blog.de/pisa-extended-uber-die-notwendigkeit-kultureller-kompetenz-teil-2/">Weiterlesen...</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was ist PISA? Pisa untersucht unter anderem die Lesekompetenz, die  mathematische und die naturwissenschaftliche Grundbildung von  15−jährigen Schülern. Bei der Pisa−Erhebung 2003 stand die Mathematik im  Mittelpunkt, bei der vorangegangenen Untersuchung im Jahr 2000 war es  das Lesen. Zusätzlich wurde 2003 die so genannte Problemlöse-kompetenz  der Schüler getestet. Der Testkonzeption liegt die Vorstellung von  lebenslangem Lernen zugrunde und betont das Verstehen und die flexible,  situationsgerechte Anwendung des Wissens.<span id="more-303"></span></p>
<p>Pisa 2000 löste bei der Veröffentlichung im Dezember 2001 in Deutschland  den so genannten Pisa-Schock aus: Die Leistungen der hiesigen Schüler  waren im internationalen Vergleich nur unteres Mittelmaß, sie sind sehr  stark an die soziale Herkunft der Schüler gekoppelt, und hierzulande ist  die »Risikogruppe« besonders groß; fast ein Viertel der Schüler genügt  den Mindestanforderungen im Lesen und Rechnen nicht. Pisa E (“E” für  Erweiterung) 2000 offenbarte dann das innerdeutsche Leistungsgefälle  (Bayern oben, Bremen unten). Pisa 2003, veröffentlicht im Dezember 2004,  zeigte eine leichte Verbesserung der deutschen Leistungen im  internationalen Vergleich. Und Pisa 2003 E macht nun den Anteil der  einzelnen Bundesländer an dieser Verbesserung sichtbar.</p>
<p><strong>Sind die Pisa−Ergebnisse wirklich so wichtig?</strong></p>
<p>Ja.  Sie zeigen, wie gut die Schüler grundlegende Kulturtechniken  beherrschen, die im Leben  gebraucht werden. Getestet werden die Lesefähigkeit, das Verständnis von  Mathematik und den Naturwissenschaften sowie die Fähigkeit zum Lösen  fächerübergreifender Probleme. Natürlich muss die Schule mehr  vermitteln, aber wer über diese Basiskompetenzen nicht verfügt, wird es  in Beruf, Familie und Gesellschaft schwer haben.</p>
<p><strong>Sind die Schüler tatsächlich besser geworden?</strong></p>
<p>Ja.  So weit die kurze Antwort. Die längere geht so: Es gibt Grund zu  vorsichtigem Optimismus. In Mathematik und in den Naturwissenschaften  sind die deutschen Schüler messbar besser geworden, kein Bundesland ist  zurückgefallen. Beim Lesen hat sich im Bundesdurchschnitt nicht viel  getan, dafür aber beieinigen Bundesländern. In allen Bereichen besser  geworden sind Sachsen−Anhalt, Bremen, Brandenburg, Sachsen und  Thüringen. In Mathematik und Naturwissenschaften legten zu: Bayern,  Mecklenburg−Vorpommern, Niedersachsen und das Saarland. In den  Naturwissenschaften verbesserten sich Nordrhein−Westfalen und  Schleswig−Holstein, Hessen in einem Teilbereich der Mathematik. Keine  nennenswerten Veränderungen gibt es in  Baden−Württemberg und Rheinland−Pfalz.</p>
<p><strong>Und was gibt es zu mäkeln?</strong></p>
<p>Deutsche  Schulen werden sozial immer ungerechter. Der PISA−Bericht zeigt: Die  soziale  Herkunft entscheidet in Deutschland immer stärker über den Schulerfolg  eines Kindes&#8230; Bereits der erste PISA-Test hatte belegt, dass in keinem anderen  Industriestaat der Welt das  Schulsystem bei der Förderung von Arbeiter− und auch Migrantenkindern so  versagt wie in  Deutschland. Auf dem Weg zum Abitur ist in Bayern die  Chancenungleichheit besonders stark ausgeprägt. Kinder aus der  Oberschicht haben dort eine 6,65 Mal größere Chance, das Gymnasium zu  besuchen und die Reifeprüfung abzulegen, als Schüler aus einem  Facharbeiterhaushalt. Und: Dort, wo die Leistung zunahm,  wuchsen auch die sozialen  Ungerechtigkeiten. Vergleichsweise sozial ausgewogen präsentieren  sich bei diesem Vergleich auch die Schulen in Niedersachsen (2,63),  Hessen (2,71) und Schleswig-Holstein (2,88).</p>
<p>Am besten schneidet  Brandenburg mit einem Wert von 2,38 ab. Das Land hatte jedoch beim  bundesweiten Vergleich der Schülerleistungen einen der letzten  PISA-Plätze belegt. Bayerns Schüler sind Spitze im Lesen, in Mathematik,  den Naturwissenschaften und im Problemlösen. Gleichzeitig ist Bayern  zusammen mit Brandenburg der deutsche Gerechtigkeitssieger &#8211; wenn es  darum geht, was etwa die Einwanderer- oder Arbeiterkinder als 15-Jährige  wissen und können. Es gelingt den Südstaatlern also am besten, wie  die Bildungsforscher sagen, die Leistung von der sozialen Herkunft zu  entkoppeln.  Andererseits baut Bayern &#8211; zusammen mit Schleswig-Holstein &#8211; die höchste  soziale Hürde vor dem Gymnasium auf. Noch immer ist der Weg über das  Gymnasium der leichteste auf dem Weg zum Abitur , dem entscheidenden  Abschluss, der den Zugang zum Studium ermöglicht. Bayern ist also  besonders ungerecht in der Übergangs- oder Abschlussgerechtigkeit. Das  ist besonders ärgerlich, weil die soziale Ungerechtigkeit tatsächlich  die klaffende Wunde unseres Schulsystems ist; das hat die erste  Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 klar belegt.</p>
<p>Für das Hauptproblem  der deutschen Schule deutet sich noch keine befriedigende Lösung an: die  Existenz einer großen Gruppe (ein knappes Viertel) so genannter  Risikoschüler, die nicht einmal eine Bewerbung um eine Lehrstelle  schreiben können. Jahr um Jahr verlassen sie die Schule, ohne die  Chance, im Berufsleben Fuß zu fassen. In seiner Rede vor Vertretern der  Wirtschaftsverbände stellte Bundespräsident Horst Köhler am 15.3.2005  fest: “Fast 9 Prozent aller  Schülerinnen und Schüler &#8211; das sind jährlich rund 85.000 &#8211; bleiben ohne  Abschluss. Unternehmer klagen darüber, dass immer mehr Bewerber nicht  richtig rechnen und schreiben können. Unsere Schulen und Universitäten  sind im internationalen Vergleich bloß noch Mittelmaß. Wie lange wollen  wir noch zusehen?”</p>
<blockquote><p>Andreas Schleicher, Leiter der  PISA-Studie, kommentierte das PISA-Ergebnis zusammenfassend: “Sicher ist die Qualität des Unterrichts der  Schlüssel zu besseren Lernergebnissen. Aber es wäre naiv, zu glauben,  dass sich die Qualität des Unterrichts allein oder auch nur maßgeblich  mit neuen didaktischen Konzepten oder Lehrerbildungsmaßnahmen  beeinflussen ließe. Den Unterricht nachhaltig verbessern werden nur  wirksame Motivations− und Unterstützungssysteme in den Schulen, die  Lehrern und Schülern helfen, voneinander und miteinander zu lernen, und  die Perspektiven für professionelle Entwicklung bieten und Kreativität,  Innovation und Verantwortung einfordern. Das lässt sich in gegliederten  Systemen wie dem deutschen nur schwer realisieren&#8230;&#8230;..Viele der  erfolgreichen Staaten setzen heute weniger auf von oben verordnete  Maßnahmen, sondern bieten den Schulen Maßstäbe für den Erfolg von  Bildungsleistungen an, gekoppelt mit größeren Freiräumen und wirksamen  Unterstützungsinstrumenten. Sie erwarten von den Schulen dann aber auch  wesentlich mehr Verantwortung für den Bildungserfolg.” (Zeit  08/2005).</p></blockquote>
<p>Zusammenfassend ergibt sich folgende These: PISA hat zu  einem Erfolgs- und Leistungsdruck geführt, der nur die Basiskompetenzen  berücksichtigt, aber das notwendige und auch geforderte “frühe Lernen, mehr individuelle Förderung,  vergleichbare und international anerkannte Bildungsstandards, mehr  Wettbewerb und Autonomie der einzelnen Schulen und Universitäten,  Förderung in der Breite und an der Spitze, lebenslanges Lernen”  in der notwendigen Breite nicht ermöglicht. PISA resp. seine  Kommentatoren verkennen, dass Bildung heute eine weithin von den Medien  abhängige Kulturtechnik ist, die sich außerhalb der Institution Schule  resp. Universität ereignet und auch dort erworben (oder auch nicht  erworben) wird. Die Fragestellung muss also lauten, wo findet Kulturelle  Bildung statt, welche sind ihre Bedingungen, welches ihre Qualitäten?  Um diese Fragen geht es im folgenden Kapitel, das sich auf die Expertise  „Kulturelle Bildung im Medienzeitalter“ zur Vorlage bei der Bund &#8211;  Länder &#8211; Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung im  Auftrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, verfasst von  Karl-Josef Pazzini, Universität Hamburg, Juli 1999, stützt.</p>
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